Verständnis von SaW und seine Bedeutung für ältere Beschäftigte
Es wird unterschieden zwischen einem weiten und einem engen Verständnis von SaW. Im weiten Sinne umfasst SaW sämtliche Formen eines fortgesetzten Erwerbstätigseins trotz gesundheitlicher oder funktioneller Einschränkungen. Dazu zählen beispielsweise Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Beschäftigte nach längeren Phasen der Arbeitsunfähigkeit, die im Rahmen von Wiedereingliederungsmaßnahmen wieder arbeiten.
Das enge Verständnis, das auch der vorliegenden Studie zugrunde liegt, fokussiert dagegen auf Beschäftigte mit gesundheitlichen Einschränkungen, die dennoch keine erhöhten Arbeitsunfähigkeitszeiten aufweisen. Diese Gruppe gilt als besonders interessant, weil sie trotz bestehender Belastungen dauerhaft arbeitsfähig bleibt. Im Gegensatz zu klassischen Ansätzen fragt SaW damit nicht primär, warum Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, sondern wodurch ein Verbleib im Erwerbsleben ermöglicht wird. So eröffnet das Konzept einen Perspektivwechsel von Defiziten und Risiken hin zu Ressourcen und förderlichen Bedingungen der Erwerbsteilhabe.
Gerade für den Arbeitsschutz älterer Beschäftigter gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit chronischer Erkrankungen und funktioneller Einschränkungen, nur etwa ein Viertel aller Älteren Erwerbstätigen meint, keine gesundheitlichen Einschränkungen zu haben. Gleichzeitig werden längere Erwerbsverläufe gesellschaftlich und wirtschaftlich immer wichtiger. Das enge Verständnis von SaW kann dazu beitragen, Bedingungen zu identifizieren, die eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen fördern.
Determinanten von SaW
Die bisherige Forschung beschreibt SaW im engeren Sinne als Ergebnis eines Zusammenspiels personaler und arbeitsbezogener Faktoren. Auf individueller Ebene werden insbesondere Selbstwirksamkeit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Verantwortungsbewusstsein und eine positive Grundhaltung hervorgehoben. Ebenso bedeutsam sind konstruktive Bewältigungsstrategien, etwa das frühzeitige Erkennen gesundheitlicher Warnsignale, die Akzeptanz eigener Grenzen oder ein aktiver Umgang mit gesundheitlichen Problemen. Auch die Motivation zur Arbeit sowie die subjektive Bedeutung von Arbeit als Quelle von Sinn, Identität oder sozialer Teilhabe werden als förderliche Faktoren beschrieben. Gesundheitsbezogene Aspekte wie das Ausmaß der Einschränkungen oder therapeutische Unterstützung ergänzen diese Einflussgrößen.
Besonders konsistent zeigt sich die Bedeutung arbeitsbezogener Determinanten. Dazu zählen ein hoher Handlungsspielraum, Einflussmöglichkeiten auf die eigene Tätigkeit, soziale Unterstützung durch Kolleginnen, Kollegen und Führungskräfte sowie ein positives Organisationsklima. Auch betriebliche Anpassungen, beispielsweise flexible Arbeitszeiten, veränderte Tätigkeiten oder ergonomische Maßnahmen, werden als förderlich für den Verbleib im Erwerbsleben angesehen.
Die Ergebnisse der lidA-Studie stützen diese Annahmen. Beschäftigte der SaW-Gruppe unterscheiden sich von gesundheitlich ähnlich belasteten Personen mit hohen Fehlzeiten insbesondere durch günstigere Arbeitsbedingungen. Vor allem eine höhere Führungsqualität, stärkere soziale Unterstützung und größere Einflussmöglichkeiten bei der Arbeit kennzeichnen diese Gruppe. Die Befunde deuten darauf hin, dass weniger die individuellen Merkmale als vielmehr die Gestaltung der Arbeit entscheidend dafür sein könnte, ob gesundheitlich beeinträchtigte Beschäftigte arbeitsfähig bleiben.
Potenziale der wissenschaftlichen Betrachtung von SaW
Die wissenschaftliche Untersuchung von SaW eröffnet dem Arbeitsschutz neue Möglichkeiten. Statt ausschließlich Risikofaktoren und Defizite zu analysieren, können Bedingungen erfolgreicher Erwerbsteilhabe erforscht werden. Die SaW-Gruppe fungiert dabei gewissermaßen als „Lerngruppe“, anhand derer sich Ressourcen, Schutzfaktoren und förderliche Arbeitsbedingungen identifizieren lassen.
Für die betriebliche Prävention bedeutet dies die Chance, gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung stärker evidenzbasiert auszurichten. Erkenntnisse über die Bedeutung von Führungsqualität, Handlungsspielraum oder sozialer Unterstützung können unmittelbar in Maßnahmen des Arbeitsschutzes und des Betrieblichen Gesundheitsmanagements einfließen. Längsschnittliche Untersuchungen könnten aufzeigen, welche Faktoren zu einer stabilen Erwerbsteilhabe beitragen und unter welchen Bedingungen ein Übergang in Arbeitsunfähigkeit erfolgt. Damit besitzt SaW das Potenzial, den Arbeitsschutz in alternden Belegschaften um eine wichtige ressourcenorientierte Perspektive zu erweitern und nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit gezielt zu fördern.
Prof. Dr. med. Hans Martin Hasselhorn
Hans Martin Hasselhorn ist Facharzt für Arbeitsmedizin und seit 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Er leitet mit seinem Team die lidA Studie (lidA = leben in der Arbeit, www.lida-studie.de), in der der wechselseitige Einfluss von Arbeit, Gesundheit und Erwerbsteilhabe in der älteren Erwerbsbevölkerung in Deutschland untersucht wird.