„Zurück zur Rente mit 65 ist unrealistisch“

02.01.13

Prof. Dr. Axel Börsch-Supan, Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik und ddn-Beiratsmitglied, erläutert im Gespräch, wieso sich betriebliche Altersvorsorge für Arbeitgeber und Arbeitnehmer lohnt und warum längeres Arbeiten nicht nur gesund hält, sondern auch die jüngere Generation entlastet.

Herr Prof. Dr. Börsch-Supan, Sie haben selbst drei Kinder. Mit Blick auf die niedrigen Zinsen, welchen Rat geben Sie ihnen für die Altersvorsorge? 
Diversifizieren. Sie sollten Altersvorsorge breit aufbauen und sie auf viele verschiedene Produkte verteilen. Sie sollten auch immer das Kleingedruckte lesen und sich frühzeitig damit beschäftigen. Denn die Produkte unterscheiden sich sehr. Sie können viel kosten und wenig bringen oder wenig kosten und viel bringen. 

Im Vorwort zum ddn Fachbuch zur betrieblichen Altersvorsorge schreiben Sie, diese sei lebensnotwendig für ein stabiles Altersvorsorgesystem. Ihr Bamberger Kollege Prof. Dr. Birk sagt, betriebliche Altersvorsorge lohne sich nicht. Was entgegnen Sie ihm?
Die betriebliche Altersvorsorge lohnt sich fast immer, weil sie zur gesetzlichen, umlagefinanzierten Rentenversicherung als kapitalgedeckte Altersvorsorge eine gute Ergänzung ist. Das liegt daran, dass sie weniger demographisches Risiko hat. Zudem ist die betriebliche Altersvorsorge im Gegensatz zur privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge deutlich einfacher. Menschen, die sich nicht mit kapitalgedeckten Renten beschäftigen wollen, sollten sich daher über betriebliche Vorsorgemodelle informieren. Hier ist der Vorteil, dass sich der Arbeitgeber größtenteils darum kümmert. 

Wie können gerade kleine und mittlere Unternehmen vom neuen ddn Fachbuch profitieren?
Es nimmt ihnen die Angst vor der betrieblichen Altersvorsorge. Das Fachbuch zeigt Beispiele, wie KMU sozialpartnerschaftlich Vorsorgesysteme anbieten können. So können sich KMU beispielsweise mit anderen Unternehmen regional und branchenweit zusammentun. All diese Lösungen sind wichtig für die betriebliche Altersvorsorge – und für die Unternehmen. 

Dass wir alle länger arbeiten müssen, um die Rentenkassen zu stabilisieren, kann sich jeder ausrechnen. Aber schaffen das die Menschen gesundheitlich? Und finden sie die Jobs dafür?
Für das umlagebasierte Rentensystem ist  zuerst einmal wichtig, dass es für die Mehrheit der Arbeitnehmer funktioniert, weil die Mehrheit gesund ist und länger arbeiten kann. Die Studie „Survey of Health, Ageing and Retirement“ zur Gesundheit von älteren Menschen untermauert das. Sie zeigt, dass es dem Großteil der Befragten gesundheitlich gut geht oder sogar sehr gut. Dennoch gibt es ältere Menschen, die gesundheitliche oder psychische Schäden durch die Arbeit haben. Für solche Fälle braucht man Spezialregelungen wie die Erwerbsminderungsrente. 
Die Frage nach den Jobs ist eigentlich einfach zu beantworten, denn der Glaube, dass die zunehmende Beschäftigung älterer Menschen auf Kosten jüngerer geht, ist falsch. Im Gegenteil ist es so, dass diejenigen, die arbeiten, die jüngere Generation entlasten. Denn dadurch steigen die Beitragssätze in der gesetzlichen Rentenversicherung nicht so stark an. 

Im Rahmen einer Langzeitbeobachtung sind Sie zu dem Ergebnis gekommen: Längeres Arbeiten hält die Gesellschaft gesund. Was sind die Gründe für dieses überraschende Ergebnis?
Das Ergebnis ist nur auf den ersten Blick überraschend. Mit dem Rentenübergang nehmen sich die meisten Menschen zwar viel vor. Tatsächlich ist es aber so, dass sich der Fernsehkonsum erhöht und die Sozialkontakte abnehmen. Das hat zur Folge, dass zunächst die kognitive Leistung sinkt und in der Folge auch die allgemeine Gesundheit. Die Arbeit ist im Gegensatz dazu sehr stark von vielen Sozialkontakten geprägt. Diese Sozialkontakte machen regelrecht gesund, während sich die Einsamkeit in der Rente negativ auswirkt. 

2013 ist Bundestagswahl. Das Thema Rente beschäftigt die Politik. Führen wir die Diskussion um die „sichere Rente“ ehrlich genug? 
Unehrlich ist es sicher, wenn man dem Menschen verspricht, dass man mit den Reformen der letzten zehn Jahre wieder aufhören kann. Zurück zur Rente mit 65 ist unrealistisch. Wenn wir das Renteneintrittsalter nicht erhöhen, dann müssen die Beiträge steigen, und dies geht auf Kosten der jüngeren Generation. Ähnlich ist das mit einer jetzt angesprochenen 50% Untergrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung. Auch das bewirkt, dass die Beitragssätze deutlich steigen werden. Wenn man den Menschen das nicht sagt, dann führt man in der Tat eine unehrliche Diskussion und kneift vor unangenehmen Einsichten.

 

Prof. Dr. Axel Börsch-Supan ist Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Er beschäftigt sich mit dem demographischen Wandel und hat für das ddn Fachbuch „Betriebliche Vorsorgemodelle im demographischen Wandel“ das Vorwort geschrieben. Der Volkswirt und Mathematiker promovierte am M.I.T. in Cambridge (USA).