„Meine Dienstleistung ist das Know-Why“

02.10.13

Erik Händeler ist Journalist, Zukunftsforscher und Autor, der sich mit der Zukunft der Arbeit beschäftigt. Auf mehreren Regionalforen von ddn und INQA wird er mit der Keynote zentrale Impulse setzen, so zum Beispiel am 15.10. in Erfurt oder am 8.November in Bremen. Im folgenden Interview  beschreibt er, was wir von der Arbeitswelt der Zukunft und von seinen Vorträgen erwarten können. 

ddn: Herr Händeler, was wird die Arbeitskultur erfolgreicher Unternehmen in 20 Jahren im Unterschied zu heute prägen? 

EH: Arbeit ist zunehmend immateriell: Planen, organisieren, beraten, Wissen suchen, aufbereiten, Probleme durchdenken und lösen. Da der Einzelne die Informationsflut aber nicht mehr überblicken kann, sind wir zunehmend auf die Kompetenzen anderer angewiesen. Das erzwingt Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Kooperationsfähigkeit, berührt unsere seelischen Schichten und verändert die Arbeitsstruktur. Wird die Welt vielleicht doch immer besser?

ddn: Wissen wird immer wichtiger, Sie sprechen oft von der „Wissensarbeit“, was charakterisiert sie?

EH: Bei der Wissensarbeit geht es nicht zu sehr um den Datenwust, den jeder im Internet findet; es geht um die Fähigkeit, dieses Wissen in seinen Zusammenhängen zu durchdenken und anwenden zu können. Wenn ich ein Problem habe, habe ich nicht die Zeit, fünf Fachbücher zu lesen. Ich muss jemanden kennen, der diese fünf Bücher gelesen hat und mir in fünf Minuten sagen kann, was die Lösung für mein Problem ist. Dieser Zugriff auf die Kompetenz anderer, das ist die neue Dampfmaschine. 

ddn: Das ist ja auch die Idee hinter ddn ...

EH: ... und diese Idee ist gut. Über die Kooperation im ddn erhalten Ihre Mitglieder Zugang zu Lösungen anderer, die sie auf ihre eigenen Bedarfe zuschneiden können. So entsteht Fortschritt. 

ddn: Weniger arbeiten, um länger arbeiten zu können – wie realistisch ist das?

EH: Was ist die Alternative - mit Ende 50 in Rente gehen und mit 90 sterben? Die Leute wehren sich gegen die Vorstellung, länger als bisher arbeiten zu müssen. Sie machen dabei den Fehler, die heutigen Zustände eins zu eins unverändert in die Zukunft hinein zu verlängern. Und das geht natürlich nicht. Länger arbeiten funktioniert nur dann, wenn wir zum Beispiel die fünf-Stunden-Schicht in der Produktion ab 58 einführen. Studien zeigen, dass die "Alten" weniger leisten, aber nicht, weil sie nicht mehr könnten. Sie sind sogar produktiver als Junge, weil sie fast keine Fehler machen. Sie wollen einfach nicht mehr, weil wir nichts mehr in sie investieren. Und nebenbei: Wir sind kein Volk von Dachdeckern, wie dann immer behauptet wird. Die meisten Arbeiten sind in Zukunft vor allem Gedankenarbeiten, die man auch noch mit 70 leisten kann.

ddn: Wenn wir länger arbeiten wollen, muss sich einiges in der Gesundheitsprävention tun ...

EH: Gibt es so was schon? Ich dachte, das System sitzt nur da und wartet auf die Kranken, die mit Diabetes II daherkommen und dann repariert werden. Ein präventives System würde Lebensstilberatung, kostenlose Ernährungsberatung und individuelle Fitnessprogramme solidarisch finanzieren, im Gegenzug aber auch in manchen Fällen mehr Eigenverantwortung verlangen, auch finanziell. Da wir ja keine Gesundheitsdiktatur errichten können, werden die Leute die Folgen ihres Gesundheit schädigenden Tuns spüren müssen, so heikel und umstritten das ist. 

ddn: Sie treten bei mehreren INQA Regionalkonferenz als Redner auf. Was zeichnet Ihre Vorträge aus?

EH: Der Aha-Effekt: Die Leute verstehen, was gerade passiert - Computer machen uns nicht mehr produktiver, senken keine Kosten mehr, und es ist ganz normal, dass die Zinsen dann gegen Null gehen, Aktien- und Immobilienblasen auftreten und die Weltwirtschaft schwächelt. Das nimmt die Angst vor der Zukunft. Meine Dienstleistung ist das Know-Why, warum die Situation so ist, wie sie ist, und warum es dafür Lösungen gibt: Bessere Arbeitskultur, Gesunderhaltung, langsamer Arbeiten im Alter. Das Know-How dafür haben die Leute schon längst.