Kommunen im demographischen Wandel

21.08.13

Die demographische Entwicklung stellt die Politik vor große Herausforderungen. Im Frühjahr 2012 stellte die Bundesregierung ihre Demografiestrategie „Jedes Alter zählt“ vor. Damit leitete sie einen ebenübergreifenden Dialogprozess ein, auf den zwei Demografiegipfel im Oktober 2012 und im Mai 2013 folgten. 

Doch Demographie wird vor allem vor Ort gestaltet: Nicht in Brüssel, nicht in Berlin, sondern in Melle in Ostwestfalen oder Mannheim-Sandhofen. Denn: Der demographische Wandel betrifft vor allem Kommunen. Bis 2060 wird Deutschland ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren und insgesamt älter werden. Das wird insbesondere den Kommunen zu schaffen machen. Schon jetzt liegt das Durchschnittsalter der Deutschen bei 43 Jahren, bis 2020 wird es auf 47 Jahre ansteigen. 2060 wird jeder Dritte bereits 65 Jahre oder älter sein.

Entwicklung ohne Blaupause
Der demographische Wandel ist eine Entwicklung, bei der man mit Erfahrungswissen nicht punkten kann. 2060 wird es eine andere, ältere Gesellschaft geben, die es in der Geschichte Deutschlands noch nicht gegeben hat und die es gilt ohne Erfahrungswissen zu gestalten. Treffen wird die demographische Entwicklung jede Kommune, aber mit sehr deutlichen lokalen Unterschieden. Es gibt bereits heute Kommunen, die trotz Bevölkerungsreduktion in Deutschland wachsen und weniger altern. Zusätzlich wird es innerhalb der Kommune deutliche Unterschiede geben. Auch in schrumpfenden Kommunen gibt es heutzutage wachsende Stadtteile, ebenso wie es auch in wachsenden Kommunen schrumpfende Stadtteile gibt. „Gegensteuern ist nicht drin, die Kommunen werden sich mitsamt ihrer Infrastruktur anpassen müssen“, sagt Prof. Dr. Thomas Klie, ddn-Arbeitskreisleiter. „Wenn sie das begriffen haben, dann liegt es in ihrer Hand, den demographischen Wandel aktiv zu gestalten“, so Klie weiter.

Wer zählt zu den Gewinnerkommunen?
Ob eine Kommune wächst oder schrumpft, stark altert oder nicht, wird nicht unwesentlich durch  die Attraktivität als Wohn- und Lebensort sowie Wirtschaftsstandort beeinflusst. Kommunale Investitionen in die Attraktivität als Wohn- und Lebensort ziehen Menschen in die Region und in die Kommune, was sich wiederum positiv auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Denn ein gutes Angebot an Fachkräften ist wiederum für die ansässige Wirtschaft von Vorteil. Dr. Winfried Kösters, stellvertretender ddn-Arbeitskreisleiter, empfiehlt auch ungewöhnliche Wege zu gehen: „Organisieren Sie ein Miteinander der Generationen, um beispielsweise neue Pflegesysteme zu ermöglichen. Essen in Schulen muss nicht auf Schüler begrenzt sein. Machen Sie nicht Essen auf Rädern, sondern Senioren auf Rädern.“

Schulterschluss mit anderen
Die Anforderungen und Herausforderungen des demographischen Wandels sind von den Kommunen nicht alleine zu bewältigen. Interkommunale Kooperationen sind ebenso gefragt wie die Einbeziehung anderer Akteure, wie beispielsweise Unternehmen. Neue Kooperationsformen und neue Netzwerke sind eine Chance, bei knapper werdenden öffentlichen Kassen auch künftig die Gestaltungsmöglichkeiten der Kommunalpolitik aufrechtzuerhalten. Kommunen und Unternehmen haben in vielen Handlungsfeldern ähnliche Interessen. Beispiel Bildung: Beide brauchen funktionierende Bildungseinrichtungen, die bereits den unter Dreijährigen einen guten Start ins lebenslange Lernen sichern. Beispiel Betreuung: Beide brauchen Infrastruktur für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. Pflege und Beruf. Kösters bezeichnet es so: „Frühkindliche Erziehung und Pädagogik, das ist Wirtschaftsförderung.“

Interkommunale Kooperationen
Interkommunale Kooperationen sind immer dort gefragt, wo sich Synergieeffekte nutzen lassen, um auch bei knappen Kassen für eine gute Infrastruktur zu sorgen. Brauchen schrumpfende Gemeinden jeweils eine Feuerwehr, ein Verkehrsunternehmen, eine Abwasserentsorgung und Wasserversorgung? Der Landkreis Potsdam-Mittelmark hat beispielsweise ein Netzwerk ambulanter sozialer Dienste gegründet. Ziel der Netzwerkarbeit ist die Bündelung der Erfahrungen der Netzwerkpartner zur Weiterentwicklung der ambulanten sozialen Versorgung und die Nutzung von Synergieeffekten anhand der vorhandenen Versorgungsstrukturen in den Kommunen. 

Erfolgsfaktoren
Kommunen, die die Brisanz des demographischen Wandels erkannt haben, haben ihn zur Chefsache gemacht. Sie haben klare Verantwortlichkeiten verteilt und bündeln und koordinieren auf dieser Grundlage eine kommunale Strategie. Dabei kommt es darauf an, Aktionismus zu vermeiden und einen langfristigen Ansatz zu wählen. Dann setzt oft auch ein sich verstärkender Effekt ein: Kommunale Investitionen in die Attraktivität als Wohn- und Lebensort ziehen Menschen in die Kommune, was sich wiederum auf den ansässigen Arbeitsmarkt auswirkt.

Neue Form der Staatlichkeit
Die Lösung des demographischen Wandels in den Kommunen, insbesondere in dünn besiedelten Regionen, liegt dennoch nicht darin, nur Leistungen zu kürzen, Schulen zu schließen und Bahntrassen aufzugeben. Es geht vielmehr um neue Formen der Staatlichkeit und ein anderes Verständnis von staatlicher Daseinsvorsorge. Möglicherweise braucht es eine neue Bürgergesellschaft, die selbst gestaltet und einen Staat, der den Rahmen dafür schafft.
ddn Arbeitskreis „Kommunen und Wirtschaft für Generationen“
Auf die Kommunen kommen große Gestaltungsaufgaben zu. Blaupausen gibt es dafür keine. Alle Akteure sind darauf angewiesen, gemeinsam mit anderen Lösungen zu entwickeln. Genau das leistet der ddn Arbeitskreis „Kommunen und Wirtschaft für Generationen“. Praktiker aus Unternehmen und Kommune diskutieren gemeinsam Good Practice Beispiele und entwickeln Instrumente, um demographiefeste Daseinsvorsorge zu gestalten. 

„Weniger, älter, bunter“

Doppelinterview mit ddn-Mitgliedern der Städte Melle und Mannheim

Wie können Kommunen den demographischen Wandel gestalten? Wie lassen sich Kooperationsmöglichkeiten sinnvoll nutzen? ddn sprach darüber mit Harald Pfeiffer, Fachbereich für Wirtschafts- und Strukturförderung Mannheim, und Hartwig Grobe, Referent für Wirtschaftsförderung Melle.

ddn: Wissen Sie, wie der Altersdurchschnitt in Ihrer Kommune im Jahr 2050 aussehen wird? Welche Probleme ergeben sich daraus?

Harald Pfeiffer: Wir haben in Mannheim eine relativ genaue stadteigene Bevölkerungsprognose für das Jahr 2030 – für das Jahr 2050 haben wir jedoch keine exakten Zahlen vorliegen. Aber kurz gesagt: wir werden weniger, älter und „bunter“. Die Probleme zeigen sich zukünftig z. B. in einem abnehmenden Erwerbstätigenpotential und der Schwierigkeit geeignete Fachkräfte zu finden. Trotzdem sollte man die Veränderungen in der Altersstruktur als Chance betrachten.

Hartwig Grobe: Wir haben in Melle die Veränderungen in der Demographie bis 2030 prognostiziert. Insgesamt wird der Altersdurchschnitt natürlich stark ansteigen. Es wird für 2030 ein Altersdurchschnitt von 46,4 Jahren erwartet, im Gegensatz zum derzeitigen Altersschnitt von 41,9 Jahren. 
Die Infrastruktur muss insgesamt an die Bedürfnisse älterer Menschen angepasst werden, z. B. wird bei aktuellen innerstädtischen Baumaßnahmen auf Kopfsteinpflaster verzichtet, um einen Rollator-Zugang für Ältere zu gewährleisten.

ddn: Wie begegnet Ihre Kommune dem demographischen Wandel und welche Maßnahmen wollen Sie, auch im Hinblick auf die öffentlich klammen Kassen, in Zukunft ergreifen?

Harald Pfeiffer: Insgesamt werden die Ziele durch unsere Verwaltungsmodernisierung für die gesamte Stadtverwaltung perspektivisch viel länger angelegt, als man früher in der Stadtverwaltung geplant hat. Gerade im Hinblick auf uns als Unistadt, wollen wir Vorbild für Bildungsgerechtigkeit sein, um vorhandenes Potential besser auszuschöpfen. 
In unserer Talente- und Fachkräftestrategie zeigt sich, dass wir einen hohen Zuzug durch Studierende im Alter von 20-30 Jahren haben, wohingegen ein Fortzug von 30-40-Jährigen zu beobachten ist. Hier gilt es, gezielt eine Vernetzung der Hochschulen und Studierenden mit kleinen und mittleren Unternehmen zu schaffen, um junge Menschen und perspektivisch Familien an Mannheim zu binden.

Hartwig Grobe: Wir sind natürlich keine Unistadt und haben ganz andere Voraussetzungen, als Mannheim. Die Stadt Melle hat frühzeitig zu Beginn der 90er Jahre durch aktive Wirtschaftsförderung Rahmenbedingungen für Unternehmen zur Bestandserweiterungen und Neuansiedlung geschaffen. Diese Wirtschaftspolitik hat in den letzten Jahren zu 3.000 neuen Arbeitsplätzen geführt. Wirtschaftlich ist Melle recht gesund und in der Lage Infrastruktureinrichtungen zu unterhalten sowie neue Investitionen zu tätigen. Insgesamt sehen wir die demographische Entwicklung als Gestaltungsaufgabe und als Teil der Stadtentwicklung an.

ddn: Inwiefern kooperieren sie mit anderen Kommunen und Unternehmen in ihrer Region? 

Harald Pfeiffer: Wir haben mit unserer Metropolregion Rhein-Neckar einen sehr aktiven Verband, der eigene Regional-Strategien für den demographischen Wandel aufgesetzt hat. So gab es letztes Jahr eine Demographie-Woche und einen Demographie-Kongress in der Region, der vom ddn organisiert wurde. Weiterhin gibt es Kooperationen mit den Kammern, der Agentur für Arbeit und natürlich dem ddn. 

Hartwig Grobe: Sie sprechen es an, Herr Pfeiffer. Es ist entscheidend, alle Akteure der Stadt einzubinden und die Sensibilisierung des Themas Demographie auf alle Bevölkerungskreise auszuweiten. Dieser Prozess hat vor einiger Zeit begonnen, wird aber sicherlich noch etwas andauern. Wir wollen Unternehmen auf die älter werdende Belegschaft einstellen, damit sie z. B. eine intensivierte Gesundheitsvorsorge betreiben. Dabei fahren wir eine Doppelstrategie, indem wir nicht nur junge neue Fachkräfte akquirieren, sondern auch ältere Bürger länger fit halten.

ddn: Steht dieses Thema bei allen Akteuren in hinreichender Weise auf der Agenda?

Harald Pfeiffer: Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen haben oftmals Probleme mit einer längerfristigen Planung. Hier müssen mehr Unterstützungs- und Beratungsleistungen erbracht werden. Klar ist, dass niemand als Einzelgänger agieren kann – gerade Netzwerke bieten hervorragende Möglichkeiten der Zusammenarbeit für Kommunen. Und diese Vernetzung hat eine lange Tradition in Mannheim.

Hartwig Grobe: Ich stimme Herr Pfeiffer im Hinblick auf vermehrte Beratungsleistungen vollkommen zu. Natürlich gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Manche Akteure denken vielleicht immer noch, dass das Problem überdramatisiert wird. Ich denke aber, dass dies die Meinung einer Minderheit ist. Für uns ist es wichtig zu agieren und nicht zu reagieren, damit wir weiter eine einigermaßen ausgewogene Bevölkerungsmischung haben werden.

ddn: Mit welchen Mitteln steigern Sie die Attraktivität der Kommunen  für junge Menschen, gerade im Hinblick auf das Fachkräftepotential?

Harald Pfeiffer: Mannheim bietet eine hohe Lebensqualität, viele Sport-, Kultur-, und Erholungsmöglichkeiten. Sehr wichtig  ist uns eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie das Thema attraktives Wohnen, um vor allem junge Leute in der Region zu halten. In diesen Bereichen sehen wir zwar noch Luft nach oben, haben sie aber bereits offensiv in unsere Planung mit aufgenommen. So stehen uns durch den kommenden Abzug der Amerikaner 510 Hektar Land zur Verfügung, die entsprechend auch für den Wohnungsbau genutzt werden können. Insgesamt fahren wir eine zweigleisige Strategie, indem wir Stadt und Region stärken.

Hartwig Grobe: Ich bin der Meinung, dass ein guter Wirtschaftsstandort mit vielen attraktiven Berufsangeboten der harte Standortsfaktor für junge Fachkräfte ist. Melle hat das Glück verkehrstechnisch gut zu liegen und bietet außerdem sehr gute Kultur-, Erholungs- und Freizeitangebote. Trotz alledem sollten diese Angebote weiterhin stärker auf die jüngere Bevölkerung ausgerichtet werden.

ddn: Welche Vorteile bringt eine ddn-Mitgliedschaft für Ihre Kommune mit sich?

Harald Pfeiffer: Wir können durch ddn auf direktem Wege mit anderen Unternehmen kommunizieren. Gerade im Bereich der altersneutralen Personalpolitik gibt es viele gute Best-Practice-Beispiele, von denen man lernen kann. Und durch die vielen Möglichkeiten des Austauschs, muss das Rad nicht jedes Mal neu erfunden werden. Wir hoffen natürlich auch, dass andere Kommunen von Mannheim lernen können. 

Hartwig Grobe: Das sehe ich genauso. Es liegt ein großes Potential im Ideenaustausch und bei kreativen Lösungsmöglichkeiten im ddn-Netzwerk. Ein Netzwerk dieser Art, mit der Möglichkeit des direkten Kontakts zu anderen Mitgliedern, ist sehr hilfreich.

 

Zu den Personen:

 

Harald Pfeiffer, M.A. arbeitet seit 1998 im Fachbereich Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt Mannheim. Seit 2011 ist er für den Bereich „Menschen und Kompetenzen“ und für die Sicherung von Fach- und Führungskräften in Mannheimer Unternehmen zuständig.

 

Hartwig Grobe ist seit Januar 2013 neure Referent für Wirtschaftsförderung und begleitet seit 2010 auch die demographische Entwicklungsplanung der Stadt  Melle. Der 57-jährige Dipl.Verwaltungswirt leitete die städtische Wirtschaftsförderung bereits von 2001 bis 2006.

 

 

Die ddn-Mitglieder Mannheim und Melle im Überblick

 

                             

 

Mannheim Melle
Bundesland Baden-Württemberg Niedersachsen
Regierungsbezirk Karlsruhe Osnabrück
Einwohner 291.458 45.878
Fläche 144,96km² 254km²
Arbeitslosenquote 6,1% 3,1%
Bevölkerungsentwicklung
2009 - 2030
2,5% -4,3%
Erwerbstätige 55-64 Jährige 37,6 45,4
Fertilitätsindex -7,8% 9,6%
Anteil 65 - 79 Jährige 13,8% 13,7%

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de (2011).