Interview: Audit Demografische Robustheit

05.06.13

Sind Unternehmen für den demographischen Wandel gut vorbereitet? Was sind die wichtigsten Handlungsfelder für eine Demographie bewusste Arbeitsgestaltung? Diese Fragen beantwortet das „Audit Demografische Robustheit“ (ADR) [www.adr.iao.fraunhofer.de] das vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation  (IAO) 2011 gestartet wurde. Wir sprachen mit der am ADR beteiligten Wissenschaftlerin Anna Hoberg darüber, warum das ADR entwickelt wurde und welche Vorteile und Möglichkeiten es teilnehmenden Unternehmen bietet.

ddn: Frau Hoberg, mit dem Audit „Demografische Robustheit“ untersuchen Sie die Demographie bewusste Ausgestaltung von Unternehmen. Warum gibt es das ADR überhaupt?

Hoberg: Anstoß für die Entwicklung unseres Verfahrens ist die Tatsache, dass sich Unternehmen heute nur in Teilen robust gegenüber dem demografischen Wandel aufstellen. Die Tragweite, die das sinkende Erwerbspersonenpotenzial auf die Ausgestaltung von unternehmerischen Maßnahmen hat, wird oft nur in Bezug auf Rekrutierung  wahrgenommen. Die Auswirkungen auf notwendige Anpassungen in den Unternehmensstrategien, Arbeit an der Arbeits- und Lernkultur, Veränderungen in Führungsstilen und beispielsweise Einführung von flexiblen Arbeitsformen werden selten von Beginn an mitgedacht und angegangen. 

ddn: Was bringt das ADR Unternehmen? 

Hoberg: Erstens Sensibilisierung für das Themenspektrum, das mit dem demographischen Wandel verbunden ist. Zweitens bekommen Unternehmen Rückmeldung über die Demographiefestigkeit ihrer derzeitigen Arbeitsbedingungen. Drittens erhalten sie Handlungsempfehlungen, mit denen sie entsprechende Maßnahmen planen können, um das Thema „demographischer Wandel“ aktiv im Unternehmen anzugehen.

ddn: Welche Unternehmen haben bisher am ADR teilgenommen und was sind ihre bisherigen Ergebnisse?

Hoberg: Wir haben das Audit sowohl in Produktionsunternehmen aus den Bereichen Automobil und Luftverkehr als auch in der Dienstleistungsbranche durchgeführt. Es waren Unternehmen, die sich bereits mit dem demographischen Wandel auseinandergesetzt haben und überprüfen möchten, wo noch Defizite bestehen. 

ddn: Wie groß ist der Zeitaufwand, den Unternehmen für das ADR einplanen müssen? Welche Kosten fallen für die Durchführung des ADR in Unternehmen an?

Hoberg: Die gesamte Abwicklung des ADR beläuft sich auf circa vier Wochen, darin enthalten sind allerdings auch die Auftragsklärung sowie die Abschlussbesprechung. Den größten zeitlichen Aufwand stellen die Interviews vor Ort dar. Diese belaufen sich auf mindestens viereinhalb Stunden, können sich aber auch über einen ganzen Tag erstrecken. Die Kosten für das ADR variieren nach der Anzahl der Gesprächstermine und den konkreten Wünschen der teilnehmenden Unternehmen. Genaue Preise für das ADR erhalten interessierte Unternehmen auf Anfrage.

ddn: Können auch Kommunen bzw. öffentliche Institutionen das ADR nutzen?

Hoberg: Ja, da sie vom demographischen Wandel sogar noch stärker betroffen sind als Unternehmen. Bisher hat jedoch noch keine öffentliche Institution das ADR durchgeführt. Wir würden eine Durchführung in Kommunen und öffentlichen Institutionen ausdrücklich begrüßen.

ddn: Was sind nach Ihren Erkenntnissen die wichtigsten Themenfelder für eine Demographie robuste Arbeitsgestaltung?

Hoberg: Es müssen sich vor allem die Arbeitsbedingungen ändern. Aufgrund von anstehenden Verrentungswellen sollte das Augenmerk besonders auf Wissenssicherung und Innovationsfähigkeit gerichtet sein. Eine Demographie robuste Arbeitsgestaltung muss die Beschäftigungsfähigkeit und Lernfähigkeit der Mitarbeiter fördern und sichern. Aber es braucht auch die richtigen Arbeitsmittel, z.B. eine gute IT-Unterstützung, damit die Mitarbeiter die notwendigen Ressourcen zur Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben zur Verfügung haben.

ddn: Was können insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen tun, die weder die Zeit noch das Geld haben, das ADR durchzuführen?

Hoberg: Mittlerweile gibt es auch die kleine Schwester des ADR. Während das ADR eine objektive Einschätzung von außen bietet und im Expertengespräch die aktuelle Situation verschiedener Funktionsbereiche im Unternehmen ermittelt wird, haben wir in den letzten Monaten auch ein kostenfrei zur Verfügung stehendes Online-Tool unter dem Titel „Gute Demografie Praxis“ (GDP) zur Selbsteinschätzung der Demographiefestigkeit entwickelt. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen können s sich mittels Fragebogen und Sofort-Feedback ein eigenes, erstes Bild machen. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.ost.iao.fraunhofer.de/gdp/

 

Zur Person: Anna Hoberg arbeitete als Wissensmanagerin beim Beratungsunternehmen Ernst & Young. Seit 2007 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Ihre Forschungsschwerpunkte sind „selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten“ und „Gestaltung von Kommunikation und Zusammenarbeit im Unternehmen“.