Integrierte Demographie-Maßnahmen schneller umsetzen

04.04.11

Das heutige Verständnis von Arbeitsfähigkeit ist wesentlich geprägt durch die Arbeiten des neuen ddn-Beiratsmitglieds Prof. Dr. Juhani Ilmarinen. In seinem Modell, dem so genannten „Haus der Arbeitsfähigkeit“, benennt Ilmarinen vier essenzielle Faktoren für die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit: Gesundheit, Kenntnisse und Fähigkeiten, Motivation und Einstellungen sowie den Bereich der Arbeit. Alle Faktoren wirken zusammen und können dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit (länger) zu erhalten.

Im Interview am Rande der ddn-Mitgliederversammlung in Berlin erklärt Prof. Dr. Ilmarinen, wo er Deutschland in punkto Demographie im internationalen Vergleich sieht, was Unternehmen davon haben, sich zu vernetzen und warum er selbst sich beim ddn engagiert.

Herr Ilmarinen, wie demographiefest ist Deutschland im internationalen Vergleich?

Ilmarinen: Es gibt einige Unterschiede zwischen den europäischen Ländern. Der demographische Wandel hat in Deutschland etwa 5-7 Jahre später eingesetzt als in Finnland. Deutschland hat dadurch mehr Zeit, den demographischen Wandel zu bewältigen und kann von den Erfahrungen der skandinavischen Länder lernen. Bei den Maßnahmen sehe ich in Deutschland vor allem die gesundheitsfördernden Instrumente stark ausgeprägt. Das ist zwar positiv, allerdings ist das allein betrachtet zu wenig. Wichtig ist vor allem auch, den Bereich der Arbeit – also beispielsweise die Arbeitsumgebung, die Inhalte oder das Management - selbst zu gestalten. Das Know how hierfür ist vorhanden. Es kommt darauf an, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammenarbeiten, um diese Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Das beste Konzept, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, besteht in der Integration verschiedener Maßnahmen. Hier ist eine schnellere Umsetzung als bislang notwendig, um der dynamischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Von der Erkenntnis zur Umsetzung in den Betrieben vergehen oft 10 Jahre oder mehr. Daher sind Good-Practice Beispiele, wie solche integrierten Konzepte aussehen können, auch von so großer Bedeutung.

Welche Spezifika sind in Deutschland zu beachten?

Ilmarinen: Dem Dialog in den Betrieben kommt ein großer Stellenwert zu. In Deutschland haben Betriebsräte eine besondere Bedeutung. Hier ist es wichtig, den Betriebsrat als wichtigen Akteur von Anfang an mit einzubinden, um betriebliche Maßnahmen einzuleiten. Des Weiteren ist in Deutschland Vieles standardisiert. Das hat sowohl positive als auch negative Ausprägungen. Gut gelöst in Deutschland ist, dass Dinge sehr systematisch angegangen werden. Wenn jedoch zu viel standardisiert wird, gehen individuelle Unterschiede und Freiheitsgrade verloren. Wichtig ist, dass individuelle Lösungsmöglichkeiten nicht unterdrückt werden. 

Was sind die wichtigsten drei Dinge, mit denen Unternehmen dem demographischen Wandel begegnen können?

Ilmarinen: Es ist erstens wichtig, die Einstellung gegenüber dem Alter zu ändern. Der Blick sollte darauf gerichtet werden, was mit dem Alter besser wird. Stereotypes Denken hilft nicht weiter. Zweitens ist es notwendig, das Führungsverhalten dahingehend zu ändern, dass Alter auch als ein Faktor für gute Leistungen begriffen wird. Und drittens sollte Arbeit so gestaltet werden, dass jede Generation lange und gut arbeiten kann.

Was kann hier konkret getan werden, um die Potenziale älterer Mitarbeiter auszuschöpfen? 

Ilmarinen: Es sind drei Dimensionen, die sich mit dem Alter ändern. Wir sprechen in Deutschland viel zu sehr von der physischen Arbeitsfähigkeit. Wir wissen, dass diese mit dem Alter tendenziell abnimmt, deswegen müssen wir schauen, dass physische Belastungen mit dem Alter reduziert werden. Das kann dafür mit psychisch oder sozial anspruchsvollen Tätigkeiten kompensiert werden. Denn diese Eigenschaften werden mit dem Alter besser. Wichtig ist es deshalb, auch andere Aspekte, beispielsweise psychische und soziale Kompetenzen stärker in den Vordergrund zu rücken und die Kompetenzen zu identifizieren, die mit zunehmendem Alter besser werden. 

Was können ältere Mitarbeiter selbst tun, um ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten?

Ilmarinen: Arbeitnehmer haben drei wesentliche Bereiche unter ihrer eigenen Verantwortung. Das ist zum einen die Gesundheit, die eng mit dem individuellen Lebensstil zusammenhängt. Zum anderen die Bereitschaft zur Weiterbildung, also der Hunger etwas Neues lernen zu wollen. Letztlich sind es die Einstellungen und die eigene Motivation, die dazu beitragen, länger und besser arbeiten zu wollen und zu können. 

Welche Rolle spielen Unternehmensnetzwerke wie ddn beim demographischen Wandel?

Ilmarinen: ddn kommt bei der Bewältigung des demographischen Wandels eine große Bedeutung zu. Heutzutage gibt es schon viele gute Praxisbeispiele von Betrieben, die das Thema Demographie vorbildlich angehen, aber kaum jemand weiß darüber Bescheid. Ein Netzwerk kann abgesicherte Informationen, die bislang verstreut verfügbar sind zusammenbringen und bekannt machen. ddn kann Akteure mit anderen Akteuren vernetzen und auch die Verbindung zu anderen europäischen Netzwerken schaffen. Schließlich bildet ddn eine Brücke zwischen Unternehmen und der Politik, so dass ein gegenseitiger Austausch ermöglicht wird.
 
Herr Ilmarinen, Sie kommen aus Finnland und engagieren sich in Deutschland für das ddn. Wie kommt das?

Ilmarinen: In Finnland gibt es kein ähnliches Netzwerk wie das ddn. Ich wollte lernen, wie ein Demographie Netzwerk hier funktioniert. Vielleicht brauchen wir so etwas auch in den nordischen Ländern. Ich bin somit auch zum Lernen hier, was die Deutschen tun. Gleichzeitig kann ich meine Erfahrung und Expertise einbringen. Ich selbst arbeite weltweit, sehr viel in Europa, aber auch in Asien oder Australien. Durch meine Arbeit beispielsweise im Bereich des Workability Advisor Trainings kann ich internationales Erfahrungswissen bereit stellen. 

Wieso profitieren Unternehmen von einer Mitgliedschaft beim ddn?

Ilmarinen: Studien zeigen, dass sich eine verminderte Arbeitsfähigkeit auch negativ auf die Produktivität auswirkt. Das Wissen, wie Arbeitsfähigkeit erhalten und dem demographischen Wandel begegnet werden kann, liegt also im eigenen Interesse der Unternehmen. Unternehmen brauchen dazu einen Platz, an dem sie miteinander in Kontakt treten, sich austauschen und jemanden, der diesen zwischenbetrieblichen Informationsflow herstellt. Das ist auch besonders für die regionalen Unternehmensnetzwerke relevant. Regionen sind sehr unterschiedlich in den Herausforderungen, mit denen sie zu kämpfen haben. Deswegen sind regionale Lösungsansätze und der gemeinsame Austausch von Erfahrungen so wichtig. 

Vielen Dank für das Gespräch.