„Eine starre Altersgrenze beim Renteneintritt ist nicht zeitgemäß“

22.11.11

Mit diesen Worten empfing Rainer Brüderle die Gäste zur öffentlichen Diskussionsveranstaltung „Flexibler Renteneintritt – eine moderne Arbeits- und Lebenswelt für Ältere“ im Bundestag. Auf Einladung der FDP diskutierten kürzlich Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer, Gewerkschaftsvertreter und Rentenexperten gemeinsam mit den Gästen die Voraussetzungen für einen flexiblen Übergang in die Rente. Wir haben die wesentlichen Standpunkte im Folgenden zusammengefasst:  

Was sagt die Politik?
Das Ziel der FDP sei es, dass zukünftig 75 Prozent der Menschen zwischen 55 und 65 erwerbstätig sind, sagte Dr. Heinrich L. Kolb, sozialpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Eine insgesamt längere Erwerbstätigkeit mit flexiblem Renteneintritt soll hierzu beitragen. Die FDP möchte, dass Versicherte ab dem 60. Lebensjahr frei wählen können, wann sie Rente beziehen wollen. Auch der Bezug einer Teilrente soll vereinfacht werden. Neben dem Rentenbezug soll jeder Versicherte unbeschränkt hinzuverdienen können. Die Koalitionspläne sehen hier allerdings vor, dass die Summe aus den Zuverdiensten und der Rente das letzte Bruttogehalt nicht übersteigen darf. 

Was sagen die Rentenexperten?
Prinzipiell begrüßt Dr. Reinhold Thiede von der Deutschen Rentenversicherung Bund eine Flexibilisierung des Renteneintritts und die Pläne der Regierung, die Teilrente zu vereinfachen und transparenter zu machen. Nach seiner Einschätzung könnte die vorzeitige Inanspruchnahme der Vollrente mit zusätzlichem Nebenverdienst jedoch unter Umständen deutlich attraktiver als eine Weiterbeschäftigung werden. Dies könnte dem Paradigmenwechsel einer längeren Erwerbstätigkeit entgegentreten. Zudem stellte er klar, dass das Rentenrecht schon flexibel ist. Längjährig Versicherte können bereits ab 63 Jahren in Rente gehen. Jeder könne prinzipiell länger arbeiten, das Arbeitsrecht hingegen lasse das aber oft nicht zu. Wenn es Altersobergrenzen gibt, sind diese in Arbeitsverträgen festgehalten.

Was sagt die Wissenschaft?
Im Durchschnitt sind die 70-Jährigen von heute vergleichbar mit 64-Jährigen von vor 30 Jahren. Im Alter werden jedoch die Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen immer größer. Daher kommt aus Sicht des Gerontologen Prof. Dr. Andreas Kruse von der Universität Heidelberg eine Flexibilisierung des Renteneintritts den Menschen entgegen. 
Kruse plädierte dafür, das Thema Alter neu zu denken, denn auch das biologische Altern ist kulturell formbar. Lernvermögen und Kreativität sind bis ins hohe Alter hoch. Voraussetzung hierfür sind jedoch Lern- und Weiterbildungschancen. Damit könne man nicht früh genug anfangen, weswegen es wichtig sei, dass Motivation, Leistungsfähigkeit, Bildungsfähigkeit und Gesundheit von Anfang an gefördert werden. Für längeres Arbeiten unter schlechten Rahmenbedingungen fehle die Akzeptanz. Als wichtigste Voraussetzungen für längeres Arbeiten nannte er Zeit- und Handlungssouveränität, sowie Gesundheitsmaßnahmen und Weiterbildungsmöglichkeiten.  
Der Vergleich mit Japan und Schweden legt die Vermutung nahe, dass flexible Renteneintritte dazu führen können, dass Menschen länger erwerbstätig sind. Schweden hat ein flexibles Renteneintrittsalter und die höchste Erwerbstätigenquote Europas. In Japan sind sogar 28% der über 50-Jährigen erwerbstätig.

Was sagen die Unternehmen?
Der Leiter des Personalservice der Datev eG, Andreas Krause, begrüßte flexible Renteneintritte. Die Frühverrentungspraxis vergangener Jahre sei falsch gewesen, da sie dazu geführt hat, dass Fach- und Erfahrungswissen verloren gegangen ist.
Bei Mitarbeitern über 50 gebe es mittlerweile Gespräche zur Standortbestimmung, um gemeinsam zu überlegen, wie es weitergehen kann. Wissensmanagement benötigt Zeit, daher werden altersgemischte Teams und flexible Übergänge in die Rente eingesetzt. Auch Führungskräfte arbeiten auf Wunsch Teilzeit. 
Von Seiten des Handelsverbands Deutschland kam die Anmerkung, dass Altersgrenzen personalplanerisch durchaus Sinn machen, da gerade kleinere Unternehmen flexible Regelungen weniger ausgleichen können. So genannte atypische Arbeitsverhältnisse sollten daher nicht als ‚atypisch’ herabgestuft werden.

Was sagen die Gewerkschaften?
Francesco Grioli von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) betonte, dass flexible Arbeitszeitmodelle Belastungen senken und einen flexiblen Renteneintritt ermöglichen können. Die Pläne zur Kombirente bewertete er positiv, wenn sie genutzt wird, gleitende, flexible Übergänge zu ermöglichen und wenn es für besonders belastende Tätigkeiten Ausstiegsmodelle gibt, ohne dass Altersarmut droht. Von der IG Bau kam der Hinweis, dass Flexibilisierung nicht für alle Branchen gleichermaßen gut funktioniere. Der Dachdecker sei ein gutes Beispiel für Probleme der Flexibilisierung, weil hier im betrieblichen Umfeld Grenzen gesetzt sind, auch wenn Arbeitgeber gewillt sind, flexible Lösungen anzubieten. Deshalb sei es wichtig, auch Worst Practice Beispiele, die nicht so einfach funktionieren, im Blick zu behalten und Perspektiven aufzuzeigen.

Fazit
‚Müssen’ macht die Leute krank, deshalb bestand in der Diskussionsveranstaltung weitgehend Konsens über eine Flexibilisierung des Renteneintritts mit größtmöglicher Handlungs- und Zeitsouveränität. Damit Menschen aber auch länger gesund arbeiten können und wollen, sind Investitionen in Weiterbildung, Gesundheit und Arbeitsgestaltung notwendig. Es ist nachgewiesen, dass Weiterbildung die Arbeitsmoral hebt, die Dankbarkeit und Loyalität zum Arbeitgeber steigert und die Leistung verbessert. Fazit und Appell des Gerontologen Prof. Dr. Kruse lautet daher: „Machen, machen, machen“.