Der Fachkräftemangel spitzt sich zu – gleichzeitig bleiben viele Ressourcen ungenutzt

26.08.21

Ein Kommentar von Alice Greschkow, Projektreferentin für Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Demographie beim Demographie Netzwerk

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung mahnt der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele vor einem drastischen Fachkräftemangel. Bereits jetzt verbucht der Arbeitsmarkt ein Minus von 150.000 Personen im arbeitsfähigen Alter - pro Jahr! In den kommenden Jahren wächst die jährliche Lücke auf 400.000 Personen im Jahr an. Der Grund: der demographische Wandel.  

Um den Bedarf des Marktes zu decken, fordert Scheele mehr Möglichkeiten für qualifizierte Einwanderung. Allerdings müssten auch Menschen aus wegfallenden Jobs qualifiziert werden und Personen, die unfreiwillig in Teilzeit sind, besser in den Arbeitsmarkt integriert werden.  

Alter, Geschlecht, Lebenslauf – Viele Menschen haben schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt 

Als Demographie Netzwerk analysieren wir im Austausch mit unseren Mitgliedern regelmäßig die Herausforderungen in Zusammenhang mit dem demographischen Wandel und den Megatrends auf dem Arbeitsmarkt.  

Eines ist dabei klar: Unternehmen suchen teilweise händeringend um qualifizierte Arbeitskräfte, gleichzeitig möchten viele Menschen mehr arbeiten. Doch beide Seiten finden oft nicht zueinander.  

Einer aktuellen Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zufolge sind 69 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren erwerbslos – allerdings ist das nur in einem Viertel der Fälle selbst gewählt. Jede fünfte Mutter arbeitet in Teilzeit mit weniger als 20 Stunden die Woche. Allerdings möchten lediglich zwölf Prozent auch tatsächlich so wenig arbeiten. Für Mütter gibt es eine Reihe von Hürden auf dem Arbeitsmarkt. Sie können oft keine langen Pendelwege in Kauf nehmen und sind zu Zeiten verfügbar, die Arbeitgebern nicht passen. Auch kulturelle Hürden spielen eine Rolle – denn noch vor 20 Jahren war das Bild der traditionellen Familie mit der Mutter als Vollzeit-Hausfrau ein weit verbreitetes Ideal.  

Menschen, die eine bestimmte Altersschwelle überschritten haben, stellen fest, dass sie auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Karten haben. Dies betrifft alle Qualifikationsstufen. In Dax-Unternehmen sind lediglich 13,5 Prozent der Vorstandsmitglieder über 60. Insbesondere in mittelständischen Unternehmen würde es für Mitarbeitende über 50 schwierig werden, sich beruflich umfänglich einzubringen.  

Auch für Menschen mit „ungeraden“ Lebensläufen ist die Suche nach einem Job schwierig. Dabei wird Flexibilität angesichts des technologischen Fortschritts immer wichtiger. Es wird immer mehr Menschen geben, die beruflich umsatteln. Manche Berufe fallen aufgrund von digitaler Automatisierung weg oder verlieren an Wert, sodass zusätzliche Qualifikationen für Arbeitnehmende nötig werden. Die Bestrebungen auch in der Mitte des Erwerbslebens Neues zu lernen, dürfen nicht bestraft werden.  

Fachkräftemangel und demographischer Wandel gehören in die Business-Strategie  

Für Unternehmen steht fest: Ohne Talente gibt es keinen Fortschritt. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu halten, braucht die Arbeitgeberseite motivierte Fachkräfte. Beim Recruiting müssen gezielte strategische Entscheidungen getroffen werden, die den Umgang mit dem demographischen Wandel priorisieren.  

Dies kann erfolgen, indem man  

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt spitzt sich zu. Die Angst vor Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung und Digitalisierung hat sich bisher nicht bewahrheitet. Stattdessen bedroht der Fachkräftemangel immer mehr Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft braucht Lösungen. Gezielte Zuwanderung ist ein Strang, um den Personalbedarf zu decken. Allerdings ist dieser mit politischen und gesellschaftlichen Fragen verbunden, deren Aushandlung langwierig sein kann. Die Konfliktlinien werden nicht nur zur Zeit des Wahlkampfes sichtbar.  

Eine strategische Feinjustierung der Recruiting-Strategie kann Unternehmen dabei helfen, den Fachkräftemangel effektiv abzufedern. Dies geschieht jedoch nur durch proaktives Handeln, denn der demographische Wandel reißt immer tiefere Löcher in die Personaldecke von Großkonzernen, mittelständischen Unternehmen und öffentlichen Behörden. 

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