Demographie in der Arbeitswelt

09.12.10

„Fangen Sie mit einem guten Beispiel an und machen Sie es zum Leuchtturmprojekt. Dann werden Sie auch mit den weiteren Maßnahmen Erfolg haben.“ Das riet Rudolf Kast, ddn-Vorstand und Mitglied der Geschäftsleitung der SICK AG, den über 400 anwesenden Teilnehmern des Kongresses „Demografie in der Arbeitswelt“ am 7. Dezember 2010 in Berlin. Damit ging Kast auf etwas ein, das viele Führungskräfte und Personaler beschäftigt: Sie wissen, dass der demographische Wandel eine immer größere Herausforderung für ihr Unternehmen ist. Sie wissen jedoch nicht, wie sie diese Herausforderung annehmen und den demographischen Wandel als Chance begreifen können.

 

 



Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Dr. Ursula von der Leyen, eröffnete den Kongress, indem sie die aktuelle Bedeutung der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und des ddn hervorhob. Denn angesichts von schätzungsweise sechs Millionen Menschen weniger, die sich in zwanzig Jahren im erwerbsfähigen Alter befinden, bleibe keine Zeit, sich auf Lorbeeren auszuruhen. Nicht die Arbeit sondern die Arbeitskräfte gehen aus, vor allem im Bereich qualifizierter Arbeit. Um hier gegenzusteuern sei es notwendig, Menschen ins Erwerbsleben zu integrieren, die bislang eher am Rand der Arbeitswelt standen: Frauen, die mehr arbeiten wollen, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund. 
Trotz Rente mit 67 und Investitionen in die Erwerbsfähigkeit von Mitarbeitern wird die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter abnehmen. Deswegen ist auch qualifizierte Zuwanderung unumgänglich. „Wir brauchen die besten Köpfe“, forderte von der Leyen. Im Werben um qualifizierte Zuwanderer müsse man aufpassen, dass der Zug gut qualifizierter Arbeitskräfte nicht an Deutschland vorbei fährt. Zuwanderung müsse daher stärker bedarfsorientiert sein und durch Rahmenbedingungen, wie Kinderbetreuung so gestaltet werden, dass Deutschland attraktives Zielland für hochqualifizierte Fachkräfte ist, die überall auf der Welt eine Arbeit finden würden. 
Trotz dieser Herausforderungen kann man optimistisch in die Zukunft schauen, denn der demographische Wandel ist das, was wir aus ihm machen, wie von der Leyen betonte. Wenn die Weichen richtig gestellt sind, kann er eine Chance sein. Wie das funktionieren kann, zeige die INQA-Datenbank, die voll guter Beispiele steckt und verdeutlicht: Von Demographie-Maßnahmen profitieren nicht nur Ältere. Kräfteschonende Verfahren in der Produktion beispielsweise dienen der Prävention und kommen auch Jüngeren zugute. „Viele der Vorreiter sitzen hier. Aber es müssen noch viel mehr werden.“

Einige dieser Vorreiter aus den Reihen des Demographie Netzwerks gaben im Anschluss in parallel abgehaltenen Foren einen Einblick in ihre Arbeit. Die Teilnehmer am ddn-Forum „Gute Praxis für Demographie und Wettbewerbsfähigkeit“ setzten sich aus einem breiten Spektrum an Branchen und Unternehmensgrößen zusammen. Allen gemein war die Beschäftigung mit der Frage, wie Arbeitsfähigkeit erhalten bleiben kann. Dazu sind ganz individuelle Lösungen notwendig. Helmut Wallrafen-Dreisow von der Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach gab ein konkretes Anschauungsbeispiel, wie sie dem Fachkräftmangel im Bereich der Pflege begegnen. Die Sozialholding hat 18 Vollzeitstellen aus den vorhandenen Kompetenzen im eigenen Unternehmen geschaffen, indem sie An- und Ungelernte durch systematische Weiterqualifizierung in Fachberufe gebracht hat. Barbara Müter-Zwisele von der Kinderbetreuung Havel-Kids berichtete von den Erfolgen individueller Fortbildungen und eines personalintegrierten Fitnessprogramms. Heidrun Kleefeld, Programmmanagerin „Demographie“ der SAP AG, sieht ihr Unternehmen mit anderen Herausforderungen konfrontiert, da der demographische Wandel für die IT-Branche bislang Neuland ist. Im Unternehmen, das eine vergleichsweise junge Altersstruktur hat und bereits viel in gesundheitsfördernde Maßnahmen investiert, besteht die Aufgabe vornehmlich darin, die zunehmenden psychischen Belastungen aus der Tabuzone zu holen. Rudolf Kast stellte anhand dreier Beispiele (Fachkarriere parallel zur Führungskarriere, Abschied von der Dauernachtschicht und altersgemischte Teams) einige Demographieinitiativen der Sick AG vor. Dietrich Bartelt von der RWE AG betonte die Bedeutung der Arbeitsfähigkeit als elementare Unternehmensressource, die 70% der Wertschöpfung eines Unternehmens ausmache, aber trotz ihrer Bedeutung zu wenig berücksichtigt wird. Wie viel Ältere sich selbst zutrauen, ist stark abhängig vom Vertrauen, das ihnen im Betrieb entgegengebracht wird. Studien haben ergeben, dass in Unternehmen mit einem positiven Altersbild die Motivation und Leistungsfähigkeit Älterer signifikant steigt.

Der Kongress hat gezeigt, dass Qualifikation, die Schaffung gesundheitsfördernder Bedingungen und eine Unternehmenskultur des Vertrauens und der Wertschätzung zentrale Elemente sind, um die Arbeitsfähigkeit von Arbeitnehmern zu erhalten. Dass Hindernisse bei der Umsetzung dieser Maßnahmen auftreten, ist normal. Ein offener Erfahrungsaustausch zum gemeinsamen Lernen sowohl innerhalb des Unternehmens als auch durch Netzwerke wie das ddn ist daher ein entscheidender Faktor zum Erfolg.