Buchtipp: REAKTANZ - Blindwiderstand erkennen und Umnutzen - 7 Schlüssel für ein besseres Miteinander von Carmen Thomas

11.05.20

Buchtipp:

Carmen Thomas (2020). REAKTANZ - Blindwiderstand erkennen und Umnutzen - 7 Schlüssel für ein besseres Miteinander. Asslar: Adeo Verlag. ISBN 978-3-863-34249-4

 

Wer kennt sie nicht, die ewigen Monologe bei Konferenzen, Workshops, Sitzungen, die sofortigen inneren Widerstand erzeugenden Provokationen aller Art, die echte Beteiligung ausschließenden Kommunikationsformate in Unternehmen, Vereinen, Verbänden? Moderationen, die keine sind, weil sie nicht zum Punkt führen.

Wer konkrete Auswege aus diesen unproduktiven Situationen suchen will, dem empfehlen wir eine aktuelle, praxisorientierte und umsetzbare Lektüre: Das Buch stammt von Carmen Thomas, trägt den Titel REAKTANZ und im Untertitel heißt es „Blindwiderstand erkennen und Umnutzen - 7 Schlüssel für ein besseres Miteinander“.

Alle Menschen, die ein Interesse an wirksamer Kommunikation bei Meinungsverschiedenheiten und grundlegenden Konflikten haben „und den seriösen Wunsch haben, sich selbst verändern zu wollen“ (S.203), sollten das von Carmen Thomas vorgelegte Praxis-Handbuch lesen und „situativ in wenigen Minuten pro Tag schrittweise einüben“, wie sie am Ende des Buches schreibt: „Die Tools in diesem Buch funktionieren eigentlich deutlich einfacher als Autofahren.“ (S.203) Das Buch ist eine „Einladung“ (S.209), eine Art Kommunikationsführer-schein zu erarbeiten, der Unfälle/ Kommunikationsabbruch oder -störungen verhindern helfen kann, wenn die Ratschläge befolgt und die entsprechenden Tools eingesetzt werden.

Das Buch enthält – wie im Untertitel erwähnt - „7 Schlüssel für ein besseres Miteinander“: Es geht dabei im Wesentlichen um den häufig unbedacht oder (schlecht!) kalkulierten, in jedem Fall durch einen eigenen Haltungsfehler provozierten „Blindwiderstand“ (das deutsche Wort für „Reaktanz“), der als automatische, meist unbewusste Abwehrreaktion eine weitere fruchtbare Auseinandersetzung oft erschwert oder gar unmöglich macht. Carmen Thomas will ihre Leser dazu befähigen, diese Reaktanz durch eine alternative „Haltung und handfeste Hilfestellungen“ (S.209) zu überwinden. Die neue Haltung konkretisiert Carmen Thomas in sieben Schlüssel-Leitsätze, denen insgesamt zehn praktische „Tools“ zugeordnet sind.

Um einen kleinen Vorgeschmack auf die Lektüre zu geben, hier die Liste der Schlüssel und jeweils ein paar ausgewählte konkretere Hinweise:

  1. “Zulassen statt zumachen. Offenheit bringt weiter“ (S.41 bis 61) – konkretisiert:

    Zuhören: Was meint das Gegenüber genau?
    Hinhören: Nuancen, die Diktion, die Stimme, Mimik, Gestik, das Äußere bewusster mitbeachten.
    Dahinterhören: Was ist die ‚hidden Agenda‘, die eigentliche versteckte Botschaft des Gegenübers?
    Verwertend hören: Nur auf die Substanz achten und die herausfiltern, statt abzublocken oder wegzuhören.“ (S. 47)
     
  2. Addieren statt konkurrieren. Systematisch Gruppen-Klugheit entfalten lernen“ (S. 84-104) – konkretisiert: Statt als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten, anders fragen „Was ist daran richtig und was ist daran falsch?“ (S.87).
     
  3. Verwerten statt Bewerten. Wie geht’s beim nächsten mal (noch) besser?“ S. 108-126) - Konkretisiert: Dieser Schlüssel ist im Grunde eine Fortsetzung des ersten Schlüssels mit dem Hinweis, auch mit unerwarteten und fehlerhaft erscheinenden Situationen kreativ umzugehen.
     
  4. Umnutzen statt Runterputzen. Begeisterung wecken“(S.130-146) – konkretisiert: Frau Thomas schaut bei einer Kundin in einer schicken Seidenbluse auf ein schwarzes Blümchen in Schlüsselbeinhöhe. Die Kundin reagiert: „Ja, gucken Sie ruhig. Das war ein Fettfleck, der ist in der Reinigung nicht rausgegangen. Da hab ich einen schwarzen Edding genommen und das Blümchen draufgemalt. Und jetzt sagen alle, wie schön das Blümchen wäre.“ (S.135).
     
  5. Interessiert mich“ statt „Kenn ich“. Sich selbst aufschließen (S.152-167) verfeinert die vorhergehenden Schlüssel weiter – konkretisiert in dem Kernsatz: „Wenn es gelingt, in sich selbst authentisches Interesse zu wecken, also die Reaktanz umzunutzen und etwas Neues für sich zu lernen, dann verliert Altbekanntes das Langweilige.“ (S.153).
     
  6. Ahhh statt Oooh – wenn Fehler zu AHA-Erlebnissen werden“ (S.170-189) - konkretisiert insbesondere durch Fehler beim „dramaturgischen Setting“ (S.173), der räumlichen Anordnung von Stühlen, Tischen usw. die eine gute Kommunikation erheblich stören können. Konstruktive Auswege bei einer Moderation werden aufgezeigt: „Ich merke, dass ich gerade irgendetwas grottenfalsch mache. Können Sie mir helfen, wie’s besser ginge?“ (S.182).
     
  7. Kopieren zum Kapieren. Warum imitieren schlau machen kann.“ (S.194-209) – konkretisiert in dem Kernsatz dieses Generalschlüssels: „Wer sich vom ‚ich muss alles selbst können‘-Druck befreit und kluge Dinge erstmal imitiert, kann von Brilliantem rascher profitieren und es sich ohne Versagens- und Schamgefühle aneignen.“ (S. 196).

Wer dieses Buch gerade in der heutigen Zeit, die von wirklichen und vermeintlichen Konflikten beherrscht wird, ernst nimmt, kann die für unsere Freiheit und Demokratie äußerst wichtige wertschätzende Streitkultur zu einem besseren Miteinander entwickeln helfen. An diesem „besseren Miteinander“ muss uns allen gelegen sein. Auch, um ein Gemeinsames Wirken und eine gute Zusammenarbeit in diesen besonderen Zeiten zu ermöglichen!


(Rezension von Loring O.Sittler)