Bedingungslos oder gar nicht?

08.06.18

Diese Vision klingt süß und verlockend: „Körperlich anstrengende Tätigkeiten hinter sich lassen“, könne der Mensch dank der Digitalisierung, so Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Die gewonnen Zeit könne sinnvoll investiert werden in Bildung oder ehrenamtliche Arbeit. Allerdings geht das nach Ansicht von Straubhaar nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Sein Buch zur These „RADIKAL GER€CHT“ hat er den Teilnehmern gleich bedingungs- und kostenlos mitgebracht. Und eine Diskussion eröffnet, die hielt, was die Ankündigung versprach. Unter dem Titel „Utopisch, unbezahlbar – unabwendbar? Löst das Grundeinkommen die Zukunftsfragen der Arbeitswelt“ hatte das Demographie Netzwerk ddn zum ersten „ddn Think Tank 2018“ ins Haus der ADVOCARD in Hamburg eingeladen.

Ausgerechnet die Vertreter einer Generation nach Straubhaar reagieren kritisch auf den Vorschlag, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Johannes Vogel, Sprecher für Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik der FDP-Bundestagsfraktion hält Straubhaars Vorschlag nicht nur für unfinanzierbar, sondern stellt ausdrücklich die Bedingungslosigkeit in Frage. Er trifft einen wunden Punkt bei Vielen, die Teilnehmenden sind mittendrin in der Diskussion, Argumente schwirren durch den Raum, ein echter think tank erwacht zum Leben.

Wo Vogel den Staat zur Zurückhaltung mahnt, stößt Wolfgang Gründinger in ein anderes Horn. Und hat sein Buch „ALTE SÄCKE POLITIK“ ebenfalls für die Teilnehmenden dabei. Der Autor, Botschafter der Stiftung Generationengerechtigkeit und im Hauptberuf beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BDW) tätig, zeigt sich als Skeptiker des Grundeinkommens und verweist auf die unterschiedlichen konkurrierenden Modelle dazu. Er sieht dennoch dringenden Handlungsbedarf in sozialstaatlichen Fragen, fordert eine durchgängig kostenfreie Bildung und kritisiert Instrumente wie Kinderfreibeträge.

Spätestens jetzt ist klar: Es geht um weit mehr als ein paar akademische Gedankenspiele. Die Teilnehmenden bringen weitere Problempunkte ein: Steigende berufliche Belastungen, Fachkräftemangel in der Pflege bei gleichzeitig steigendem Bedarf, die Angst vor Arbeitsplatzverlusten und schließlich die Frage nach der Finanzierung des Sozialstaates insgesamt. Rund drei Stunden wird argumentiert, gelegentlich polemisiert, aber auch viel gelacht, bis ddn-Geschäftsführerin Martina Schmeink die Referenten mit einem kleinen Geschenk verabschiedet und das Mittagsbuffet frei gibt . Den Teilnehmenden ist anzumerken: Die Diskussion ist nicht zu Ende, sie fängt gerade erst an.