Ältere lösen den Fachkräftemangel im deutschen Südwesten

14.07.14

Wenn die Baby Boomer in Rente gehen, wird Deutschland ein Viertel seiner Erwerbsbevölkerung verlieren. Das ist auch deshalb so dramatisch, weil die Geburtenrate seit Mitte der 60er Jahre stetig sinkt. Eine Folge: Dem Arbeitsmarkt werden immer weniger Menschen zur Verfügung stehen.

Im südlichen Baden, einer wirtschaftlich prosperierenden Region mit annähernder Vollbeschäftigung, ist der Fachkräftemangel längst Realität. Das bestätigten die zahlreichen Unternehmensvertreter, die Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft der Körber-Stiftung, zu zwei weiteren Stationen der Deutschlandtour »Länger leben, länger arbeiten« begrüßen konnte. Gute Ideen für das Personalmanagement von Unternehmen im demografischen Wandel präsentierten die Körber-Stiftung und Kooperationspartner ddn am 7. Juli in der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg in Villingen-Schwenningen und am 8. Juli in der IHK Südlicher Oberrhein in Freiburg.

Was tun, wenn Fachkräfte dringend gebraucht werden und gute Auszubildende immer schwieriger zu bekommen sind? Im Moment versuche man, grenzüberschreitend in Frankreich Arbeitskräfte anzuwerben und man profitiere vor allem auch von der aktuellen Krisenzuwanderung aus Südeuropa und der EU-Osterweiterung, so Michael Faller, Vizepräsident der IHK Südlicher Oberrhein und Geschäftsführender Gesellschafter der August Faller KG in Waldkirch, ein Spezialunternehmen für Sekundärverpackung mit über 1000 Mitarbeitern und Niederlassungen auch in Dänemark und Polen.

Aber man ist sich in der Region auch bewusst, dass das die Probleme nur kurzfristig lösen kann. Und nicht nur die Faller KG hat erkannt:  Wer als Arbeitgeber die Kompetenzen älterer Arbeitnehmer möglichst lange nutzen kann, der hat einen wesentlichen Schlüssel zum Erhalt der Produktivität in der Hand. Rudolf Bischler, Geschäftsführer des Bürodienstleisters Streit Service & Solution in Hausach, setzt darauf, Ältere möglichst lange arbeitsfähig und motiviert zu halten, denn »wir brauchen begeisterte Mitarbeiter mit guter Qualifikation und Identifikation«, das sei das »wertvollste Gut eines Unternehmens«.

Viele der südwestdeutschen Unternehmen, das wird in Villingen-Schwenningen und in Freiburg klar, treibt nicht erst der demografische Wandel dazu, ihre Mitarbeiter langfristig an sich zu binden. Es gehört einfach auch zur Firmenkultur der Mittelstands- und Familienbetriebe, die regional fest verankert, aber oft auch globale Player sind. »Themen wie Aus- und Weiterbildung, Gesundheitsmanagement und Beschäftigungsfähigkeit, oder auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, werden bei uns von jeher groß geschrieben«, so Sylke Morell, die Leiterin der Personalentwicklung bei Hans Grohe SE, Hersteller von sanitärtechnischen Produkten mit Hauptsitz in Schiltach im Schwarzwald.

Auch die Firma Endress und Hauser, weltweit führender Anbieter von Messgeräten mit Hauptstandort in Maulburg und Niederlassungen in USA, China, Japan, Indien und Brasilien, bietet ihren Mitarbeitern umfangreiche Zusatzleistungen an: 25 Stunden individuelle Weiterbildung pro Jahr, eigenes Personalrestaurant, Kinderbetreuung, Mitarbeiter-Events, Sport. Aber man müsse sich künftig sicher noch stärker und zielgerichteter gerade auf die Bedarfe der älteren Mitarbeiter ausrichten, so Jens Kröger, Abteilungsleiter Personalentwicklung bei Endress und Hauser.

Gute Ideen dazu lieferte ihm und den anderen Unternehmen die Wirtschaftsjournalistin Margaret Heckel, die durch ihre bundesweiten Recherchen für das Buch »Aus Erfahrung gut. Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern« in der edition Körber-Stiftung (2013) weiß, was ältere Mitarbeiter besonders brauchen: Es ist vor allem Wertschätzung. Gerade aus der Perspektive der späten Berufsjahre seien Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden, Sinnvolles zu tun und Wertvolles zu hinterlassen, besonders wichtig. »Nutzen Sie diese Potenziale!« so ddn Mitglied Margaret Heckel. »Die Älteren werden Ihre loyalsten und zuverlässigsten Mitarbeiter sein.« Wertschätzung zahle sich für Unternehmen aus, im Wortsinn.

Und deshalb, so ergänzte ddn-Vorstandsvorsitzender Rudolf Kast, sei der Weg hin zu einem demografiefesten und zukunftsfähigen Unternehmen immer auch eine Führungsfrage. Schlechte Führung  verursache Kosten, zum Beispiel im Gesundheitsmanagement. 60 Prozent aller Erkrankungen, so zitierte Kast verschiedene  Studien, seien heute psychologisch begründet und stünden in direktem Zusammenhang mit dem Versagen von Führung. Rudolf Kast, zugleich Lehrbeauftragter für Demografie an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und selbstständiger Unternehmensberater, schlägt deshalb drei Arbeitsfelder vor, auf denen eine Unternehmensführung erfolgreich Ältere fördern kann und damit trotz Fachkräftemangel demografiefest wird: ein innovatives Gesundheitsmanagement starten, Lust auf lebenslanges Lernen machen und vor allem in jeder Hinsicht Arbeitszeit flexibel gestalten.