Ältere Ingenieure gefragter denn je

05.12.11

Die Zahl der noch erwerbstätigen MINT-Akademiker über 65 Jahren ist in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) stieg sie von 20.000 auf 49.000 Akademiker in den Fachgebieten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Aktuell ist jeder siebte MINT-Akademiker zwischen 65 und 69 Jahren erwerbstätig.

 


Die Studie zeigt, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen personalpolitischen Maßnahmen zur Förderung älterer Beschäftigter und ihrer Verweildauer im Unternehmen gibt. Je mehr Maßnahmen Unternehmen zur Förderung älterer Ingenieure durchführen, desto länger bleiben diese dem Unternehmen erhalten, bevor sie in den Ruhestand gehen. Unternehmen, die überdurchschnittlich viele Maßnahmen zur Förderung älterer Ingeneure durchführen, profitieren durch eine durchschnittlich zwei Jahre und vier Monate verlängerte Erwerbszeit ihrer älteren Ingenieure, im Vergleich zu Unternehmen, die keine oder nur wenige Maßnahmen ergreifen. 

Wir haben zum Thema „Ältere Ingenieure“ mit Dr. Oliver Koppel vom IW Köln gesprochen. 

ddn: Aktuell ist jeder siebte MINT-Akademiker zwischen 65 und 69 Jahren erwerbstätig – deutlich mehr als im branchenübergreifenden Durchschnitt. Woher kommt es, dass besonders in MINT-Berufen Ältere länger erwerbstätig sind?

Koppel: Dass Menschen vor einigen Jahren noch so früh in Rente geschickt wurden, hat nichts mit einer niedrigeren Produktivität Älterer zu tun, sondern ist den fehlgeleiteten Frühverrentungsregelungen geschuldet, die es zu der Zeit gab. Die Rahmenbedingungen, um am Markt aktiv zu bleiben, haben sich seitdem sehr positiv entwickelt. Für den MINT-Bereich gilt insbesondere, dass MINT-Akademiker in der Regel in Branchen tätig sind, denen es gut geht. Die Branchenkonjunktur und sehr gute Auftragslagen erfordern Fachkräfte jeden Alters und jeder Erfahrung. Hinzu kommt ein Nachwuchsengpass. Das bedeutet aber nicht, dass Ältere Jüngere ersetzen. Es handelt sich vielmehr um zwei unterschiedliche Arbeitsmarktsegmente. Wir brauchen Jüngere und Ältere, die vor allem wegen ihres Erfahrungswissens und ihres spezifischen Fachwissens gefragt sind. Für viele Ältere in dem Bereich gibt es die Möglichkeit, von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen in Tätigkeiten als beratende Ingenieure zu wechseln. Dadurch können sie ihr Wissen weiter einbringen und gleichzeitig ihre persönlichen Wünsche stärker berücksichtigen.

ddn: Warum setzen Unternehmen auf ältere Mitarbeiter? 

Koppel: Unternehmen können dadurch Projekte implementieren, die sie mit Jüngeren so nicht umsetzen können. Ältere verfügen über deutlich höheres Erfahrungswissen und das Know how, wenn es zum Beispiel darum geht, wie eine Produktionsanlage aufgebaut werden kann. Das sind Aufgaben, die Berufsanfänger gar nicht übernehmen können. Außerdem bekommen wir von Unternehmen die Rückmeldung, dass ältere Ingenieure entgegen des Klischees vielfach mobiler als Jüngere sind, die beispielsweise dabei sind, eine Familie zu gründen. Sie freuen sich oftmals sogar, die Möglichkeit zu haben, mal ins Ausland zu gehen und die große, weite Welt noch einmal zu sehen. 

ddn: Wird sich dieser Trend, dass Ältere in Zukunft auch in anderen Branchen länger beschäftigt bleiben fortsetzen?

Koppel: Auf jeden Fall! Wir stellen fest, dass viele Ältere noch leistungsfähig und -bereit sind. Durch die Rente mit 67 werden wir eine längere Lebensarbeitszeit haben. Die Menschen haben einen stärkeren Anreiz, in die persönliche Weiterbildung und Gesundheit zu investieren und dafür zu sorgen, dass die langfristige Arbeitsfähigkeit erhalten bleibt. 

ddn: Können Sie feststellen, ob ein Umdenken in Unternehmen stattfindet, gezielt auf die Qualitäten älterer Mitarbeiter zu setzen? 

Koppel: Früher waren ältere Mitarbeiter auch geschätzt, aber man brauchte sie nicht so wie heute. Für die Beschäftigung Älterer kommen mehrere Faktoren zusammen: Eine höhere Nachfrage an qualifizierten Fachkräften, geringere Möglichkeiten für einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben und die Tatsache, dass man für qualifizierte Beratungsdienstleistungen im Ingenieurbereich Berufserfahrene braucht. Insbesondere bei Akademikern mit vornehmlich geistigen Tätigkeiten trifft das Stereotyp, dass Ältere weniger produktiv sind, nicht zu. Viele Unternehmen haben positive Erfahrungen mit Älteren gemacht.

ddn: Vielen Dank für das Gespräch.


Dr. Oliver Koppel ist Senior Economist am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der Volkswirt ist seit 2005 am IW Köln tätig und Referent für Innovationsökonomie innerhalb des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik. Koppel ist Experte zu den Themen Fachkräfte, Forschung und Entwicklung, Innovationen und MINT.