Zwischenbilanz der Demographie-Debatte: Stimmt unser Kurs, und wie geht es weiter?
III. Know-how-Kongress 2008, 09.11.2008
Die Veranstalter - Das Demographie Netzwerk ddn und die Initiative Neue Qualität der Arbeit INQA - wollten eine Zwischenbilanz der Debatte ziehen: Ist Demographie mehr als ein kurzfistiges Modethema? Und wenn ja, stimmt dann unser Kurs? Kennen wir schon alle unsere Hausaufgaben - und arbeiten wir sie ab? Wie muss es weitergehen?
Eröffnung durch Staatssekretär Thönnes
Eigentlich war Franz Thönnes lediglich als Teilnehmer der Podiumsdiskussion gebucht. Die Eröffnungsrede sollte sein Chef, Bundesarbeitsminister Scholz, halten. Aber dann war Minister Scholz als Folge der Ereignisse des Vortages am Schwielowsee (Rücktritt des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck) am Montag nicht abkömmlich und ließ sich durch seinen Staatssekretär vertreten.
Thönnes sprach über „Gute Arbeit [als] Perspektive für Arbeitnehmer und Unternehmen im demographischen Wandel". Ein wichtiges Thema in seinen Ausführungen waren Bildung und Qualifikation: Betriebe müssten mehr in Aus- und Weiterbildung investieren, die Weiterbildungsquote besonders der Älteren müsse steigen. Bildung ebenso wie Gesundheitsförderung trügen wesentlich zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit bei.
Podiumsdiskussion und TED-Umfrage
Unter der Moderation von Karl-Heinz Schulz, Mandelkern, diskutierten: Prof. Dr. Alfonso Sousa-Poza (Universität Hohenheim), Prof. Dr. Ursula Lehr (Bundesministerin a.D., Bonn), Prof. Dr. Heike Bruch (Universität St. Gallen), Dr. Jürgen Pfister (Metro AG), Isabel Rothe, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) sowie Staatssekretär Franz Thönnes (BMAS). Zentrale Themen der Podiumsdiskussion waren: Rücknahme der Rente mit 67, Bildung / Weiterbildung, Familienpolitik und eine Zukunftsvision für die älter werdende Gesellschaft.
Besonders eindeutig waren die Aussagen zu der Frage, ob die Rente mit 67 zurückgenommen werden soll: Die Rente mit 67 muss bleiben. Das bekräftigte auch der Staatssekretär, ein Zurückweichen vor anders lautenden Forderungen werde es nicht geben. Nötig seien ein Mentalitätswechsel und flexible Lösungen. Die Teilnehmer wollen diskutieren über gleitende Übergänge und neue Lösungen, wie sie sich in den Tarifabschlüssen von Chemie- und Metallbranche schon abzeichneten (z.B. Teilrente, flexible Altersgrenzen).
Um die Podiumsdiskussion aufzulockern und die Zuschauer einzubeziehen, hatten die Veranstalter das bereits von den vergangenen Kongressen bekannte Instrument der TED-Umfrage eingesetzt. Ohne Anspruch auf statistische Repräsentativität oder hundertprozentige wissenschaftliche Seriosität erbrachte diese Umfrage doch Ergebnisse, die die Politik aufhorchen lassen sollten.
Fragen und Antworten der TED-Umfrage finden Sie hier.
Die Podiumsdiskussion am Vormittag wurde eingerahmt durch drei hochkarätige Vorträge: Der erste Vortrag nach der Eröffnungsrede kam von Prof. Dr. Alfonso Sousa-Poza von der Universität Hohenheim. Sein Thema: „Wachsen ohne Menschen? - Demographischer Wandel, Fachkräftemangel und Migration".
Unmittelbar nach der Podiumsdiskussion stellte Prof. Dr. Heike Bruch von der Universität St. Gallen ihr Konzept der „Organisationalen Energie" vor. Sie fragt, wie Unternehmen in Zeiten des demographischen Wandels ihre Potenziale generationsspezifisch voll nutzen können. Belegschaften mit einer nicht berücksichtigten Altersdiversität, so Bruch, können eine Abnahme der Produktiven Energie eines Unternehmens bewirken. Dem könnten die Unternehmen mit einer alternsgerechten Personalarbeit und Führung entgegenwirken.
Nach der Mittagspause bewies der Kabarettist Desimo, dass der Demographische Wandel „keine Spaßbremse" sein muss. Anschließend sprach die ehemalige Bundesfamilienministerin Prof. Dr. Ursula Lehr über die Herausforderungen des demographischen Wandels für Arbeitswelt und Industrie. Titel ihres Vortrags: „Wie die Silber-Generation Märkte und Unternehmen verändert". Mit der Fülle an Detailwissen und ihrem lebendigen Vortragsstil ist die 78-Jährige immer wieder der beste Beleg für ihre eigene Hypothese von „Berufstätigkeit als Geroprophylaxe".
Speaker's Corners und Talkrunde
Nach der Kaffeepause verteilte sich das Publikum auf vier Speakers's Corners. In vier verschiedenen Räumen („Ecken") des Gürzenich diskutierte jeweils ein Experte mit einer Gruppe von Teilnehmern in lockerer Atmosphäre über ein ganz spezielles Thema. Beispiele: Verändern sich die Altersbilder in den Unternehmen und in der Gesellschaft schnell genug? oder: Wie schaffen wir die Sensibilisierung der Führungsebene für das Umdenken?
Danach - und im Anschluss an eine weitere Kaffeepause - gab es noch eine zweite Talkrunde, moderiert von Dr. Rainer Thiehoff, geschäftsführender Vorstand des ddn. Hier wurde Demographie-Management konkret: Mitglieder des Demographie Netzwerks stellten aus ihren Unternehmen praktische Lösungen vor.
„Veränderungen passieren nur langfristig", sagte Uta Schellenberger-Nicoubin über die Arbeit mit Führungskräften in Ihrem Unternehmen. Dass sie passieren und wie wichtig dabei der Austausch mit anderen ist, hat sich in Köln einmal mehr gezeigt. Fortsetzung folgt.
Interview mit Randolf Jessl, Personalmagazin
Randolf Jessl ist als Chefredakteur des Personalmagazins sachkundiger Beobachter und Seismograph in einer Person. Als Moderator führte Jessl durch den Know-how-Kongress „Demographie 2.0". Im Nachgang zur Veranstaltung schilderte er INQA-Redakteur Pascal Frai (PF) seine Eindrücke zum Einfluss des Themas auf deutsche Personalabteilungen und den künftigen Nachrichtenwert des Megatrends.
PF: Längere Lebensarbeitszeiten wurden heute von vielen Referenten als unumgänglich beschrieben - wäre ein Renteneintrittsalter von 67 Jahren auch für Sie persönlich erstrebenswert?
Jessl: Ich kann mir das auch persönlich sehr gut vorstellen und sehe es zudem als historische Mission meiner Generation. Wir leben länger und gehen im Durchschnitt später in den Beruf. Unsere alternde Gesellschaft hat aus meiner Sicht keine Alternative zu einer solchen Reaktion. Aber der spätere Renteneintritt muss nicht negativ sein - im Gegenteil: Ich erlebe meinen Beruf als sinnstiftend und erfüllend. So die Gesundheit mitspielt, auch gerne bis zu einem Alter von 67.
PF: Warum sehen das viele Beschäftigte so viel skeptischer?
Jessl: Vielleicht ist ja die Bibel schuld. Dem Alten Testament zufolge kam die Tatsache, für den Lebensunterhalt arbeiten zu müssen, durch Erbsünde in die Welt. Auf jeden Fall werden Lebensfreude und Arbeit häufig als schwer vereinbare Gegensätze betrachtet. Um beides zu verzahnen, braucht es ein Bewusstsein für gute Arbeit, die fordert und Sinn gibt, die unter attraktiven Arbeitsbedingungen stattfindet und nicht zu Lasten der Gesundheit geht.
PF: Wie erleben Sie das Thema Demographie als Fachjournalist? Welchen weiteren Verlauf prognostizieren Sie?
Jessl: Der demographische Wandel ist für das Personalwesen eine Riesenchance. Die beginnende Verknappung der Arbeitskräfte macht es unumgänglich, viele Instrumente zu professionalisieren. Von der Rekrutierung über die Laufbahngestaltung bis hin zu Weiterbildung und Wissensmanagement. Unter dem Zeichen des demographischen Wandels spürt auch die Geschäftsleitung, wie wichtig eine gute Personalarbeit ist. Zugleich ist klar, dass die Publikumsmedien auch über ein noch so wichtiges Thema nicht wöchentlich berichten können. Allerdings werden auch die wieder stärker einsteigen, wenn die Babyboomer kohortenweise aus dem Arbeitsleben ausscheiden und die Lücke spürbar ist.
PF: Für welche neuen Aspekte hat Ihnen die Veranstaltung von INQA und ddn heute die Augen geöffnet?
Jessl: Ich beobachte mit Freude, dass das Thema seinen Platz auf der Agenda erobert hat und professionelle Veranstaltungen wie diese ein großes Publikum erreichen. Ich begrüße außerdem den Willen des Bundesarbeitsministeriums, den Herausforderungen durch das Thema Demographie auf vielen Politikfeldern zu begegnen. Jetzt bleibt abzuwarten, was von den vorgestellten Initiativen Wirklichkeit wird und Wirkung entfaltet.
PF: Was raten Sie INQA und ddn, um noch mehr Unternehmen nachhaltig für den demographischen Wandel zu sensibilisieren?
Jessl: Beide Akteure müssen mit ihren Themen und Instrumenten weiter das direkte Gespräch mit den Menschen suchen - am besten direkt vor Ort in den Betrieben oder in Regionalgruppen.
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