Was müssen wir jetzt tun, um den demographischen Wandel als Chance zu nutzen?

II. Know-how-Kongress 2007, 17.03.2007


Die Chancen des demographischen Wandels erkennen und in der deutschen Wirtschaft nutzbar machen - dazu leistete der zweite Know-how-Kongress der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und des Demographie-Netzwerks (ddn) am 14. März 2007 in Berlin wertvolle Beiträge.

    Podiumsdiskussion mit Franz Müntefering

    Bundesarbeitsminister Franz Müntefering betonte in der Podiumsdiskussion mit Gewerkschaftler Frank Bsirske, Unternehmern und Journalisten, dass er keine Angst vor dem demographischen Wandel in Deutschland habe. Vor rund 300 Personalverantwortlichen, Demographie-Experten und Politikern forderte der Minister, "alt" nicht mit "arm, krank und schwach" gleichzusetzen. Es müsse zunehmend Unternehmen geben, die einen "vernünftigen Altersmix" zu schätzen wüssten, plädierte Müntefering für die Rente mit 67. Auch Ver.di-Chef Frank Bsirske hat "nichts dagegen", bei steigender Lebenserwartung auch länger zu arbeiten. Allerdings müssten genügend Arbeitsplätze vorhanden sein, machte er bei der Diskussion unter Leitung von Polit-Moderatorin Sabine Christiansen deutlich. Anderenfalls bedeute die 'Rente mit 67 nur eine Verlängerung der Arbeitslosigkeit, Erfahruda 60 Prozent der deutschen Betriebe niemanden einstellten, der älter als 50 Jahre alt sei. Minister Franz Müntefering sieht jedoch in Instrumenten wie Arbeitszeitkonten vielfältige Möglichkeiten, auf ein steigendes Rentenalter zu reagieren. Die Weichen hierfür zu stellen, sei nicht zuletzt Sache der Unternehmen und der Tarifpartner. Randolf Jessl (39), Chefredakteur vom "Personalmagazin", sprach von einer historischen Mission "meiner Generation": "Andere haben Deutschland aufgebaut, wir müssen länger durchhalten."

    Was Politik und Unternehmen tun können

    Den Kongress eröffnet hatte Staatssekretär Kajo Wasserhövel aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Wasserhövel sprach über "Demographie & Demokratie" und beschrieb die politischen Aspekte und Rahmenbedingungen des Wandels. Zugleich zeigte er die Grenzen der Politik auf: "Bei Veränderungsprozessen, die sehr tiefgreifend sind, reichen Gesetze alleine nicht aus." Politik brauche vielmehr starke Partner bei Unternehmen und Arbeitnehmern.

    Roland Kutschenko, Personaldirektor bei Lilly Deutschland und Vorstandsvorsitzender des Demographie Netzwerks ddn, lenkte den Blick über den nationalen Tellerrand hinaus und zeigte auf, wie sich andere Länder erfolgreich mit den Herausforderungen des demographischen Wandels auseinandergesetzt haben. In Sachen Demographie komme Deutschland nicht gerade eine Vorreiterrolle zu, so Kutschenko. Aber jetzt müsse man entschlossen handeln und könne dabei von den Erfahrungen anderer lernen. Die komplette Präsentation steht für Sie als PDF-Download zur Verfügung.

    Im Anschluss knüpfte Dr. Karl Kuhn, ebenfalls ddn-Vorstandsmitglied, an die schon beim I. Know-how-Kongress im November 2005 durchgeführte TED-Umfrage an: "Was tun Sie in Sachen Demographie?". Die Antworten der anwesenden Personalchefs und Experten zeigten, welche Verschiebungen sich inzwischen (in den zwei Jahren) ergeben haben. So ist das Thema Demographie heute für wesentlich mehr, nämlich 45 Prozent der Unternehmen "sehr wichtig" (31 Prozent im Jahr 2005). 54 Prozent der TED-Teilnehmer sehen jetzt den demographischen Wandel eher als Chance (2005: 51 Prozent), 46 Prozent fürchten dagegen eher die Risiken (2005: 49 Prozent).

    Erfahren Sie mehr über die Ergebnisse der TED-Umfrage (PDF).

    Dr. Karl Kuhn stellte ein Online-Befragungsinstrument zu "Diversity" vor, das gerade von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) entwickelt wird. Es soll Unternehmen dabei unterstützen, unternehmenskulturelle und personalpolitische Rahmenbedingungen, betriebliche Veränderungsprozesse und deren Folgen in Zusammenhang mit der Vielfalt (Diversity) von Belegschaften zu analysieren. Dabei ist Alter - neben Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder Behinderung - eine der "Identitätsgruppen" für Diversity.

    Das Instrument wird künftig online zur Verfügung gestellt und kann von Unternehmen und Mitarbeitern kostenlos und anonym genutzt werden. Es soll für Panel-Befragungen eingesetzt werden können; das heißt, es ermöglicht wiederholte Befragungen, um Veränderungen der betrieblichen Situation zu erfassen. Schon heute können interessierte Unternehmen an einem Pretest teilnehmen und damit auch auf die weitere Ausgestaltung des Instruments Einfluss nehmen. Bei Interesse können Sie sich hier anmelden: www.online-diversity.de.

    Demographie-Werkstatt in Aktion

    Der zweite Teil des Kongresses am Nachmittag stand dann ganz im Zeichen des Erfahrungsaustauschs und konkreter Ergebnisse. In fünf Werkstätten - von "Lebenslangem Lernen" bis "Silver Market" - präsentierten Good-Practice-Unternehmen ihre Erfolgsstrategien. Die Mehrzahl der Praxisbeispiele kam aus dem Netzwerk ddn, weitere Unternehmen waren eingeladen worden. Eingeleitet wurde jede Werkstatt durch den kurzen Vortrag eines Experten. Die Moderation der Werkstätten übernahmen die Sprecher der Arbeitskreise aus dem Demographie Netzwerk bzw. - in Werkstatt 5 - das ddn-Vorstandsmitglied Dr. Rainer Thiehoff.

    In gleich zwei der Werkstätten konnte sich das  Programm rebequa (Regionale Beratung und Qualifizierung in NRW) vorstellen. In diesem Programm wurden so genannte Demographie-Berater und -Beraterinnen ausgebildet, die jetzt vor allem kleine und mittlere Unternehmen bei der Gestaltung eines alternsgerechten Personalmanagements unterstützen. Das Qualifizierungskonzept der BeraterInnen geht auf das von INQA geförderte Projekt "DemoKomp - Kompetenz für den demographischen Wandel" zurück.

    Lesen Sie mehr über rebequa auf dem II.Know-how-Kongress.

    Im Foyer der Tagungsräume erwartete die Besucher - neben der Ausstellung DemograWIE - noch eine Besonderheit in Sachen persönlicher Fitness. Sie konnten das Trainingsgerät Power-Plate ausprobieren und darüber hinaus an einem Gewinnspiel teilnehmen. Der Gewinner kann das Gerät für drei Monate kostenlos in seiner Firma aufstellen und bekommt außerdem pro Woche drei mal für drei Stunden einen Personal Trainer zur Verfügung gestellt. Das Interesse war erwartungsgemäß groß. Als Gewinner wurde inzwischen die Deutsche Lufthansa AG ausgelost. Wir gratulieren!

     

    Interview mit Sabine Christiansen

    Souverän, schlagfertig, humorvoll - bei der Podiumsdiskussion des INQA-Know-how-Kongresses hielt Moderatorin Sabine Christiansen die Fäden fest in der Hand. Von ihren Gesprächspartnern forderte die Polit-Talkmasterin Klartext. Ausflüchte? Keine Chance! Doch was denkt Sabine Christiansen selbst über das Thema "Demographischer Wandel"? INQA-Redakteur Pascal Frai ging dieser Frage im Interview auf den Grund.

    INQA: Frau Christiansen, Angebote zu Moderationen dieser Art bekommen Sie sicher viele - warum haben Sie sich gerade für die "Demographie-Werkstatt Deutschland" von INQA und ddn entschieden?
    Sabine Christiansen: De facto übernehme ich äußerst selten Moderationen dieser Art. Dafür sorgt schon die Arbeitsintensität meiner eigenen Sendung. Das Thema Demographie brennt mir allerdings unter den Nägeln - nicht zuletzt durch meine beiden Wohnorte Frankreich und Deutschland. Der gleichzeitige Einblick in die Systeme beider Länder schärft den Blick - zum einen für unterschiedliche Herangehensweisen an den demographischen Wandel, zum anderen für verschieden ausgeprägte Beteiligungsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt.

    INQA: Wird der demographische Wandel in Deutschland etwa auf die leichte Schulter genommen?
    Sabine Christiansen: Keinesfalls, die Debatten und die Medienberichterstattung überschlagen sich ja fast. Aber verschiedene Lösungsansätze wie etwa Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinken in Deutschland hinterher. Das sollte sich ändern.

    INQA: Hand aufs Herz - was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal von einer "Initiative Neue Qualität der Arbeit" gehört haben?
    Sabine Christiansen: Ich habe gedacht, dass es sehr erfreulich ist, dass es ein Gremium gibt, das sich professionell mit diesem Thema auseinandersetzt. Bereits die Bezeichnung "Qualität der Arbeit" transportiert, dass Arbeit mehr als Plackerei darstellt und im günstigsten Fall sogar "Lebensqualität" vermittelt.

    INQA: Was macht für Sie einen guten Arbeitsplatz aus?
    Sabine Christiansen: Da liegen mir verschiedene Elemente am Herzen: Ein gutes Team aus heterogenen Menschen gehört ebenso dazu wie ein professionelles und engagiertes Umfeld, in dem gerne diskutiert wird und sich eine Work-Life-Balance verwirklichen lässt.
    INQA: Wenn Sie diese Dinge aufzählen, sieht man Ihre Augen deutlich leuchten. Es scheint, dass das INQA-Ziel guter und positiver Arbeitsplätze bei Ihnen längst verwirklicht ist?
    Sabine Christiansen: Da haben Sie Recht und ich freue mich darüber.

    INQA: Frau Christiansen, wir bedanken uns für das Gespräch.



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