Gesund arbeiten - flexibel in Rente

Freiräume, um Potentiale zu nutzen

Arbeitnehmer müssen flexibel sein, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt Erfolg haben wollen. Immer schneller, immer häufiger konfrontiert sie die Arbeitswelt mit neuen Anforderungen und Technologien. Die Notwendigkeit lebenslangen Lernens ist heute eine allgemein akzeptierte (wenn auch noch nicht praktizierte) Tatsache. Und viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer üben im Verlauf ihrer Erwerbsbiographie mehr als einen Beruf aus.  Flexibilität ist das Gebot der Arbeitswelt.

Mit einem starren Renteneintrittsalter ist dies nur schwer in Einklang zu bringen. Dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im selben Alter und von heute auf morgen in Rente gehen, gleicht einem hartnäckigen Mythos. Lediglich über den Zeitpunkt selbst streitet die Republik, wie in der gegenwärtigen Diskussion um die Rente mit 67.

Nährboden des Mythos ist die Vorstellung, das Erwerbsleben bestünde aus drei eindeutig voneinander getrennten Lebensphasen: Die erste Phase der Ausbildung, die zweite Phase der Erwerbstätigkeit und die dritte Phase des Ruhestands. Tatsächlich stellte dieses Modell lediglich in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg für viele Beschäftigte den Normalfall dar – vorausgesetzt, sie waren männlich und gut ausgebildet. Was aber, wenn das Leben anders verläuft, als es dieser so genannte „Normalfall“ vorsieht?

Und was, wenn Arbeitgeber immer mehr Bedarf an erfahrenen und qualifizierten Arbeitskräften haben, auch wenn die das gesetzliche Renteneintrittsalter bereits erreicht haben? Ein starres Renteneintrittsalter passt auch nicht mehr zur Realität vieler Unternehmen. Weil es zu wenig qualifizierten Nachwuchs gibt, weil die Fachkräfte knapp werden, weil sie immer öfter auf das Wissen und die Leistung Älterer angewiesen sind.

Viele Menschen haben gelernt, die Arbeitswelt neu zu denken. Sie haben verstanden, dass Projektarbeit oft der Einstieg in die Festanstellung, die Zusatzqualifikation Türöffner für Karrierechancen und die Selbständigkeit besser als die Arbeitslosigkeit ist. Sie haben erfahren, dass der erlernte und der ausgeübte Beruf nicht identisch sein müssen, dass Unterbrechungen -  die längere Phase der Arbeitslosigkeit, die Betreuung ihrer Kinder, die Verwirklichung ihres Lebenstraums „Weltreise“ oder die Pflege eines Angehörigen – Teil ihrer Erwerbsbiographie sein können. Ihr Erwerbsleben entspricht keinem starren Modell, sondern allein ihrer Lebensrealität und ihren Potentialen.  

Was aber, wenn dieselben Menschen auch in fortgeschrittenem Alter  ihren Weg gehen wollen, der zu ihren Lebensumständen und Potentialen passt? Wenn sie beispielsweise länger sozialversicherungspflichtig arbeiten wollen, weil sie es können und weil sie so fehlende Beitragsjahre ausgleichen wollen? Oder wenn sie früher kürzer treten möchten, weil ihnen ihr Körper nicht mehr erlaubt, bis 67 „volle Pulle“ zu geben? Lässt unser Rentensystem die gleiche Flexibilität, die die Arbeitswelt von den Menschen einfordert, zu?

Keine Frage, unser Renten- und Sozialversicherungssystem ist ein solidarisches System. Es kann nur funktionieren, wenn alle, die Leistungen aus diesem System beziehen, auch zu seinem Erhalt beitragen. Nach ihren Möglichkeiten und – soweit möglich – nach den Erfordernissen des Systems. Gerade deshalb sollten Gesellschaft und Politik mehr Mut zeigen, Alternativen zum starren Renteneintritt zu verwirklichen.

Peter Kraus, der auch mit über 70 noch auf Tour unterwegs ist, Helmut Schmidt, dessen Wort heute mehr Gewicht denn je hat, Johannes Heesters, der mit weit über 100 immer noch auf der Bühne steht – sie mögen privilegierte Ausnahmen sein. Aber sie beweisen, wie falsch die Vorstellung ist, Leistung sei eine Altersfrage. Warum soll, was bei den „freien“ Berufen längst Alltag ist, für sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht gelten? Warum soll es Unternehmen verwehrt sein, das Know-how bewährter Mitarbeiter über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus nutzen zu können? 

Wenn fitte 69-jährige durch sozialversicherungspflichtige Arbeit ihre Rente aufbessern, bessern sie auch die Finanzen des Vorsorgesystems auf. Wenn sie in ihrem Beruf Bestätigung und Teilhabe erfahren, leben sie zufriedener. Sie sind gesünder und damit für unser Gesundheitssystem Beitragszahler statt Leistungsempfänger. Wenn Menschen jenseits des Renteneintrittsalters ihr Wissen und ihre Erfahrungen in den Wertschöpfungsprozess einbringen, helfen sie mit, den kommenden Fachkräftemangel zu überwinden. Sie sind produktiv und tragen so zum Erfolg von Unternehmen und Organisationen bei. 

Natürlich, das ist kein Weg, der allen gleichermaßen offen steht. Viele sind nach einem langen Erwerbsleben erschöpft und froh, den verdienten Ruhestand sozial abgesichert genießen zu können. Wieder andere möchten früher kürzer treten, um mehr Zeit für ehrenamtliches Engagement zu haben. Auch das ist ein Beitrag zum Erhalt der sozialen Systeme von unschätzbarem gesellschaftlichem Wert. Denn angesichts der immer komplizierter werdenden Lebensbedingungen reichen Unterstützungs- und Hilfeleistungen innerhalb der Familien – beispielsweise bei der Pflege älterer Angehöriger - oft nicht mehr aus. Ältere setzen dabei enormes schöpferisches Potential frei. Sie machen das, was sie können, was ihnen Spaß macht und was sie an andere weitergeben möchten. Viele Ältere sind gesund und fit, wenn sie das gesetzliche Renteneintrittsalter erreichen. Die Gesellschaft kann es sich nicht länger leisten, dieses Potential brach liegen zu lassen.

Der Erhalt unserer sozialen Vorsorgesysteme ist eine gewaltige Aufgabe. Wenn die Gesellschaft diese Aufgabe erfolgreich meistern will, darf sie nicht kleinmütig denken und handeln. Sie muss bereit sein, etablierte Vorstellungen zu hinterfragen und die Freiräume zu schaffen, die die Menschen brauchen, um Lösungen zu gestalten, die ihren Potentialen gerecht werden.