Gesund arbeiten - flexibel in Rente

Der Mythos von der Arbeitsmarktstatistik

Die Erwerbssituation älterer Arbeitnehmer

Führt die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 zu mehr Altersarmut oder zu mehr Erwerbstätigkeit der Generation 55+? Die Meinungen gehen auseinander. Die Optimisten stellen freudig fest, dass immer mehr Ältere immer länger arbeiten. Die Pessimisten weisen derweil auf die immer noch hohe Zahl derer hin, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind.

Nur jeder Neunte 65-Jährige ist am Arbeitsmarkt beteiligt
Die Optimisten haben recht: Die Erwerbsquote Älterer ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Laut Statistischem Bundesamt haben die Erwerbsquoten für die 58- bis 64-Jährigen im Zehnjahresvergleich um mehr als zehn Prozentpunkte zugenommen; für die Altersgruppe der 60- bis 62-Jährigen sogar um mehr als 20 Prozentpunkte. Das liegt unter anderem daran, dass der Gesetzgeber Möglichkeiten zur Nutzung von Vorruhestandsregelungen deutlich eingeschränkt hat. Aber auch die bessere berufliche Qualifikationen und in der Folge ihre höhere Erwerbsbeteiligung hat zu dieser Entwicklung beigetragen.

Dennoch, auch die Pessimisten haben recht. In Deutschland stehen mit rund 46%, weniger als die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Mit steigendem Alter sinkt die Erwerbsquote. Nur knapp jeder Vierte 64-Jährige steht aktuell im Erwerbsleben, bei den 65-Jährigen sogar nur jeder Neunte. In allen Altersklassen liegen die Frauenerwerbsquoten niedriger als die der Männer. Bei den 60- bis 64-Jährigen liegt sie unter 30 Prozent.

Mit Blick auf die Rente mit 67 sind diese Zahlen dramatisch. Denn viele Arbeitnehmer haben zumindest nach heutigem Stand keine Möglichkeit, bis 67 zu arbeiten. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Darüber hinaus scheint es Arbeitnehmern in vielen Fällen nicht zu gelingen, ihre Erwerbsfähigkeit bis 65 zu erhalten.

Ältere bleiben länger arbeitslos
Nicht jeder, der im Erwerbsleben steht, hat tatsächlich auch Arbeit. Darüber gibt die Erwerbstätigenquote Auskunft.

Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass sich die Erwerbstätigkeit der 60- bis 64-Jährigen in den letzten 10 Jahren auf 38,7% fast verdoppelt hat. Im Jahr 2008 waren 41,6 Prozent der Männer zwischen 60 und 65 Jahren und 25,1 Prozent der Frauen (in derselben Altersgruppe) erwerbstätig.
 
Die Arbeitslosigkeit Älterer scheint nur noch geringfügig höher zu sein als die anderer Altersgruppen. Die Arbeitslosenquote der 55- bis 65-Jährigen betrug im August 2010 laut Bundesagentur für Arbeit 8,6%. Insgesamt gesehen waren 7,6% der Erwerbspersonen arbeitslos. Auf den ersten Blick keine signifikante Differenz. Doch darf man nicht vergessen, dass viele Ältere dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Dazu gehören auch die über 58-Jährigen, die nach langer Arbeitslosigkeit gar nicht mehr zu den Erwerbspersonen dazugerechnet werden. Im Klartext: Weil ihre Vermittlung nicht gelingt, erklärt sie die Statistik kurzerhand für erwerbsunfähig.

Mit steigendem Alter nimmt die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit zu. Wer über 50 ist, hat ein signifikant höheres Risiko, länger arbeitslos zu bleiben. Das belegen auch die Zahlen. Knapp 34 Prozent der 55- bis 64-järigen Arbeitslosen sind bereits seit zwei Jahren oder länger arbeitslos und nur wenige der älteren Arbeitslosen schaffen es, innerhalb eines halben Jahres eine neue Beschäftigung zu finden. Es dauert durchschnittlich 66 Wochen bis Ältere ihre Arbeitslosigkeit beenden (im Vergleich zu 41,9 Wochen bei allen Arbeitslosen).

Nur jeder Vierte der 60- 65-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt
Viele der als erwerbstätig geltenden älteren Beschäftigten üben lediglich einen Mini-Job aus. So tauchen beispielsweise viele Rentner in der Statistik als Erwerbstätige auf, weil sie sich etwas zu ihrer Rente hinzuverdienen. Dadurch wird jedoch verschleiert, dass nur 24,2 Prozent der 60- 65-Jährigen in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. In der Diskussion um ein starres Renteneintrittsalter ist aber gerade das ein entscheidendes Kriterium. Schließlich wird von Arbeitnehmern erwartet, bis zum 67. Lebensjahr Beiträge in die staatlichen Rentenkassen einzuzahlen und so Anwartschaften zu erwerben, die die finanzielle Basis für den Altersruhestand bilden sollen. Mit einem Mini-Job wäre das nicht möglich.

Mehr als ein Drittel (35,9 Prozent) der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Altersgruppe der 60- 65-Jährigen befand sich 2008 zudem noch in der Freistellungsphase der Altersteilzeit. Damit zählten sie zwar als berufstätig, tatsächlich gingen sie jedoch nicht mehr arbeiten. Lässt man die Personen aus der Statistik raus, die aufgrund der Altersteilzeit zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gezählt werden, waren im Jahr 2008 ca. 80.000 Personen im Alter von 63 und 62.000 Personen im Alter von 64 in sozialversicherungspflichtiger Arbeit. (Quelle: Vierter Monitoring-Bericht des Netzwerks für eine gerechte Rente).

Höher qualifizierte Ältere haben bessere Chancen
Erwerbstätigkeit in höherem Alter hängt in hohem Maße von der Qualifikation der Beschäftigten ab. Je niedriger der Qualifikationsgrad, desto geringer ist die Erwerbsbeteiligung im Alter. Nur knapp ein Viertel der Personen ohne Berufsabschluss sind zwischen 60 und 65 Jahren erwerbstätig. Personen dieser Altersgruppe, die einen Hochschulabschluss haben, sind mit 54,3 Prozent deutlich häufiger beschäftigt. Zudem verstärken sich die Faktoren Geschlecht, Alter und Qualifikationsmerkmale gegenseitig in ihren Wirkungen: Formal gering qualifizierte ältere Frauen weisen die niedrigste Erwerbsquote auf.

Weiterbildungsquote Älterer unzureichend
Die Teilnahme an betrieblicher Weiterbildung fällt bei über 50-Jährigen mit 22 Prozent geringer aus als im Gesamtdurchschnitt (27%). Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit deutlich hinter den skandinavischen Ländern, aber auch hinter vielen west- und osteuropäischen Nachbarn, wie  Tschechien, Slowenien, Belgien oder Spanien zurück. Dabei ist gerade Weiterbildung ein effektives Mittel, die Beschäftigungsfähigkeit Älterer zu erhalten und zu stärken.

Statistiken und Zahlenwerke geben die Situation Älterer am Arbeitsmarkt nur unzureichend wieder. Wer die Arbeitslosenquote der über-50-Jährigen liest, kann bei oberflächlicher Betrachtung zu dem Schluss kommen, dass die Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt so schlecht gar nicht sind. Alarmierend ist allerdings die hohe Zahl der über 60-Jährigen, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Qualifizierung und Weiterbildung scheinen wichtige Faktoren zu sein, um Teilhabe am Arbeitsmarkt auch jenseits der 55 zu ermöglichen.  

Die Empfehlung des ddn
Erwerbsquote und Erwerbstätigenquote älterer Arbeitnehmer  sind zu niedrig und müssen gesteigert werden. Anstatt Langzeitarbeitslose aus der Statistik herauszurechnen müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, das allgemeine Bildungs- und Qualifizierungsniveau anzuheben und die Weiterbildungsquote von Arbeitnehmern zu erhöhen.