Gesund arbeiten - flexibel in Rente

Der Mythos vom einheitlichen Renteneintrittsalter

Wer arbeitet wie lange?

Die Diskussion um die Rente mit 67 suggeriert, dass ein einheitliches Renteneintrittsalter eine realistische Option sei. Ein Blick auf die Situation heute zeigt, dass davon keine Rede sein kann. Tatsächlich gibt es je nach Beruf große Unterschiede, wann und weshalb Menschen in Rente gehen.  

Zunächst soll der Blick darauf gerichtet werden, wer wann aus dem Berufsleben austritt. Die meisten Menschen in Deutschland gehen zwischen 58 und 64 Jahren in Rente. Zu diesem Ergebnis kommt das Statistische Bundesamt. Diese große Altersspanne macht deutlich, wie unterschiedlich das tatsächliche Alter des Renteneintritts ausfällt. Wer wann in Rente geht, hängt stark von der ausgeübten Tätigkeit ab. Gegenwärtig scheint zu gelten: Je stärker die physische Belastung, desto früher der Renteneintritt. So weisen Berufe im Handwerk und in der Industrie deutlich geringere Verbleibsquoten auf als akademische Berufe wie beispielsweise Ärzte, Apotheker oder generell geistes- und naturwissenschaftliche Berufe. Wer formal besser qualifiziert ist, geht älter in Rente.

Übersicht Renteneintrittsalter nach Berufsgruppen
Die jeweils zehn Berufsgruppen mit den höchsten und niedrigsten „Verbleibsquoten“ unter den sozialversicherrungspflichtig beschäftigten 55- bis 59-Jährigen 2003-2008 (Quelle: Dritter Monitoring-Bericht des Netzwerks für eine gerechte Rente). Mit der Verbleibsquote wird berufsspezifisch verglichen, wie hoch der Anteil der 60- bis 64-Jährigen Beschäftigten im Jahr 2008 in der Altersgruppe der 55- bis 59-Jährigen fünf Jahre zuvor war.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes erklären näher, aus welchen Gründen die Deutschen aus dem Erwerbsleben austreten. Viele Menschen sind aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr in der Lage, zu arbeiten. Nur etwa die Hälfte aller Arbeitnehmer, die 2009 in Rente gingen, tat dies aus Altersgründen. Knapp ein Viertel der Personen trat hingegen auf Basis einer Vorruhestandsregelung oder direkt aus der Arbeitslosigkeit in den Ruhestand. Mit 27,8% schied mehr als ein Viertel aufgrund gesundheitlicher Probleme vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus, dies im Durchschnitt mit 55,1 Jahren. (Quelle: Statistisches Bundesamt).

So geht von den im Hoch- oder Tiefbau beschäftigten Personen fast jeder Zweite aus Gesundheitsgründen vorzeitig in Rente. In Ausbauberufen, wie z.B. Fliesenleger oder Heizungsbauer und in Berufen der Holzbearbeitung liegt diese Quote jeweils bei über 40%. Anders bei akademischen Berufen. Hier treten weniger Menschen aus Gesundheitsgründen und mehr aus Altersgründen in den Ruhestand. Wer formal besser qualifiziert ist, geht gesünder in Rente.

Übersicht Gründe für das Ausscheiden aus dem Berufsleben, nach ausgewählten Berufsgruppen

 

Die Zahlen machen deutlich, wie unterschiedlich Erwerbsbiographien verlaufen. Wer einen Handwerksberuf ergreift, nimmt in der Regel deutlich früher eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit auf als ein Akademiker. Aufgrund langer Lebensarbeitszeit sowie körperlicher Belastungen findet aber auch der Übergang in den Ruhestand früher statt. Umgekehrt ist es in vielen akademischen Berufen möglich, weit über die 60 hinaus berufstätig zu sein. Noch differenzierter stellt sich die Situation dar, berücksichtigt man die unterschiedlichen Erwerbsverläufe von Frauen und Männern sowie von Arbeitnehmern in Ost und West. 

Die Diskussion um die Erhöhung des Renteneintrittsalters basiert daher auf einem Mythos, der den Blick auf die notwendigen Diskussionen verstellt. Ein einheitliches Renteneintrittsalter hat es in Deutschland de facto nie gegeben. Gesucht ist nicht eine „One-Size-Fits-All“ Lösung, sondern ein zukunftsfähiges Modell, das die unterschiedlichen und zunehmend individuellen Erwerbsbiographien berücksichtigt und zugleich die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme gewährleisten kann.   

Die Empfehlung des ddn
Ein starres Renteneintrittsalter passt nicht in die Lebensrealität der Arbeitswelt. Es hat es in Deutschland de Facto auch nie gegeben. Die Gesellschaft muss vielmehr Wege diskutieren, wie insgesamt die Lebensarbeitszeit so gestaltet werden kann, dass sie zu den unterschiedlichen Erwerbsbiographien der Menschen passt und die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest bleiben. Die Rahmenbedingungen sollten so gestaltet werden, dass Menschen länger und besser arbeiten können. ddn schlägt vor, Rentenübergänge zu flexibilisieren, einen späteren Ausstieg aus dem Erwerbsleben zu belohnen und Arbeitsbedingungen in den Unternehmen alters- und alternsgerecht zu gestalten.