Interview mit Dieter Reitmeyer

Interview mit Dieter Reitmeyer, 08.01.2010


Zeit für einen neuen Arbeitsmarkt Interview mit Dieter Reitmeyer, geschäftsführender Gesellschafter der redi-Group Dieter Reitmeyer (53) ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der redi-Group, eines international operierenden Dienstleisters für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der Automobilindustrie. Das schnelle Wachstum der redi-Group in den letzten Jahren basiert nach Reitmeyers eigener Überzeugung auf der Firmenphilosophie des gelebten Miteinanders und einer starken Werteorientierung innerhalb des Unternehmens.

Seit 1996 engagiert sich Dieter Reitmeyer mit einer Qualifizierungsoffensive für ältere arbeitslose Ingenieure. Zunächst brachte Reitmeyer rund 100 langzeitarbeitslose Fachkräfte und Ingenieure in der eigenen redi-Group wieder in Anstellung. Dann startete er die bundesweite 'Initiative 4020/2010' mit dem ambitionierten Ziel, bis Ende 2010 über 4000 Arbeitslose zu requalifizieren und in Jobs zu vermitteln. Reitmeyers Engagement wurde von der Initiative Sachen Machen des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) mit einem Sonderpreis Best Practice Award 2008 ausgezeichnet.

1. Herr Reitmeyer, seit Sie vor 12 Jahren die redi-Group gründeten, engagieren Sie sich für die Qualifizierung Älterer. Was waren Ihre Beweggründe, sich für die Einstellung und Fortbildung älterer arbeitsloser Fachkräfte einzusetzen?

Ich würde es gern anders ausdrücken: Ich schätze und fördere gute Mitarbeiter, das Alter spielt dabei zunächst keine Rolle. Aus wirtschaftlichen Gründen waren meine ersten Mitarbeiter Frührentner. Diese Mitarbeiter zeichneten sich unter anderem durch ihre Erfahrung, Einsatzbereitschaft, Flexibilität und Loyalität aus. In den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und geprägt vom Geist der New Economy wurde Alter auf dem Arbeitsmarkt zum K.O.-Kriterium. Unsere positive Erfahrung mit der Beschäftigung und auch Neueinstellung Älterer beweist, dass sie auf dem Arbeitsmarkt zu unrecht benachteiligt werden. Ein Arbeitsmarkt ohne ausreichend jungen Nachwuchs kann sich den frühen Verzicht auf seine älteren Mitarbeiter gar nicht leisten. Da es auf das Miteinander ankommt, entfällt durch ihre Wertevermittlung ein sehr großer Teil des Erfolges auf die sogenannten Alten.

2. Ist die Qualifizierungsoffensive nicht sehr kostspielig für Ihr Unternehmen? Lohnt sich die Investition?

Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Teilnehmern der Qualifizierungsoffensive? 1. Ja, natürlich ist Qualifizierung vorerst kostspielig. Dauerhaft ist sie jedoch ein absolutes Muss, um der rasanten Entwicklung der Weltwirtschaft zu genügen. 2. In die Qualifikation seiner Mitarbeiter zu investieren, bedeutet eine Investition in die Zukunft. In einer Partnerschaft mit Wirtschaft und Politik bietet unser Modell für jeden Vorteile: Die Wirtschaft kann damit zunächst ihr Fachkräfteproblem mindern, die Politik das Arbeitslosenproblem.

3. Nach unserem Pilotprojekt durchliefen von 120 Bewerbern 96 eine Qualifizierungsmaßnahme von maximal 14 Monaten, und davon konnten schließlich 78 übernommen werden. Eine Erfolgsquote von über 80 Prozent. 3. Sie haben auch für die Zukunft große Pläne. Mit der Initiative 4020/2010 haben Sie sich das Ziel gesetzt, bis 2010 rund 4000 überwiegend ältere Menschen über 50 wieder in Arbeit bringen, die ersten Hundert im eigenen Unternehmen. Wie realistisch ist dieses Unterfangen?

Hier möchte ich zunächst eins korrigieren, es müssen nicht die über 50-Jährigen sein. Die Menschen mit Potential, die bereit sind, den Weg der ständigen Weiterentwicklung mitzugehen, bekommen hier ihre Chance. Die Wirtschaftskrise hat auch Auswirkungen auf unsere Initiative. In Zeiten der Kurzarbeit kümmern sich Unternehmen stärker darum, Kräfte zu bündeln, sich neu zu strukturieren und Kündigungen zu vermeiden. Das Interesse an der Neugewinnung von Fachkräften ging schlagartig zurück. Damit wurde unserer Initiative quasi ausgebremst. Aber ich bin sicher, dass es weitergehen wird. Der Fachkräftemangel verharrt allenfalls in einer Art Winterstarre, und ich bin vom Modellcharakter und damit langfristig vom Erfolg unserer Initiative überzeugt. Sie bietet einige der wichtigsten vom Markt geforderten Komponenten: Effizienz durch arbeitsplatznahe, bedarfsgerechte Qualifizierung. Für Arbeitsuchende oder von Arbeitslosigkeit Bedrohte bedeutet sie eine reale Chance auf einen Arbeitsplatz bzw. nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit. Die weltweit geltenden Anforderungen nach höchster Flexibilität sowie fortlaufender Qualifizierung aller Mitarbeiter gelten zukünftig eher verstärkt, als dass sie an Bedeutung verlieren werden.

4. Für eine bundesweite Ausdehnung der Qualifizierungsinitiative braucht es Unterstützung. Wo sehen Sie Ihre Verbündeten? Was wünschen Sie sich von Wirtschaft und Politik?

Ja, für die Umsetzung der Idee im großen Rahmen sind zusätzliche Partner aus Wirtschaft und Politik notwendig. In erster Linie in der Wirtschaft. Wünschenswert sind: Klare Angaben; die Bereitschaft, praktisch zu unterstützen, zum Beispiel mit der Bereitstellung von „Training on the Job“-Plätzen; 100-Prozent- Anspruch zurückfahren und öffnen für Potentialkandidaten; nicht die „Eierlegende Wollmilchsau“ suchen, sondern genau überlegen, welches Anforderungs-Profil eine Stelle hat und nicht ‚je mehr je besser’. Von den Politikern wünschte ich, dass sie nur einmal richtig zuhörten und die Rahmenbedingungen schafften. Es ist bisher nicht gelungen, Politiker zu finden, die verstehen, wie Erfolg buchstabiert wird: T U N.

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ddn_interview_reitmeyer.pdf (36 kB)
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